Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 89)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Christoph Martin Wieland an Dr. Georg Christian Gottlob Wedekind in Mainz (Weimar, 10. April 1804)

Meine Bekanntschaft mit diesem Herrn von Kleist ist die Frucht eines freundschaftlichen Verhältnisses, welches sich im Jahre 1801, ni fallor, zwischen ihm und meinem ältesten Sohn Ludwig (der jetzt in Wien ist) in der Schweiz, wo beide sich damals aufhielten, entsponnen hatte. [LS 79a] Im Herbst des Jahres 1802 verließen beide die Schweiz und Kleist fand Gelegenheit meinem Sohn einen sehr wesentlichen Dienst zu leisten. Sie reiseten eine Zeitlang miteinander, trennten sich sodann, und Kleist ging nach Jena, mein Sohn aber zu mir nach Oßmannstätt, 2 Stunden von Weimar, wo ich damals noch auf einem Gute wohnte, welches ich aber wieder zu verkaufen entschlossen war und auch wenige Monate darauf einen Käufer dazu fand, dem ich es acht Tage nach Ostern 1803 einräumte. Kleist zog nach einem kurzen Aufenthalt in Jena nach Weimar, mietete sich ein Quartier, so gut es in der Eile zu haben war, und besuchte mich ein oder zweimal auf meinem Gut. Es ging mir mit ihm wie Ihnen. Wiewohl mir nichts mehr zuwider und peinlich ist als ein überspannter Kopf, so konnte ich doch seiner Liebenswürdigkeit nicht widerstehen. So oft dies, in meinem ganzen Leben, bei einer neuen Bekanntschaft, die ich machte, der Fall war, entrainierte mich meine natürliche Offenheit und Bonhommie weiter, als die Klugheit einem kaltblütigen Menschen erlauben würde. Doch zurückhaltender hingegen war Herr von Kleist, und etwas Rätselhaftes und Geheimnisvolles, das tiefer in ihm zu liegen schien, als daß ich es für Affektation halten konnte, hielt mich in den zwei ersten Monaten unserer Bekanntschaft in einer Entfernung, die mir penibel war, und vermutlich alles nähere Verhältnis zwischen uns abgeschnitten hätte, wenn ich nicht durch meinen Sohn erfahren hätte, daß Kleist sich in seinem Quartier zu Weimar so schlecht befinde, daß er eine Einladung, die übrige Zeit, die er sich noch in unserer Gegend aufzuhalten gedächte, bei mir in Oßmannstätt zu wohnen, mit Dank annehmen würde. Sogleich erging diese Einladung an ihn, er nahm sie an, bezog an einem der ersten Tage des Januars 1803 ein Zimmer in meinem Hause, und war von dieser Zeit an 9 bis 10 Wochen mein Commensal auf eben dem Fuß als ob er zu meiner Familie gehörte. Alles was Sie mir von seinem Benehmen in Ihrem Hause erzählen, ist auch die Geschichte der Rolle, die er bei mir spielte.

Er schien mich wie ein Sohn zu lieben und zu ehren; aber zu einem offenen und vertraulichen Benehmen war er nicht zu bringen. Unter mehrern Sonderlichkeiten, die an ihm auffallen mußten, war eine seltsame Art der Zerstreuung, wenn man mit ihm sprach, so daß z. B. ein einziges Wort eine ganze Reihe von Ideen in seinem Gehirn, wie ein Glockenspiel anzuziehen schien, und verursachte, daß er nichts weiter von dem, was man ihm sagte, hörte und also auch mit der Antwort zurückblieb. Eine andere Eigenheit und eine noch fatalere, weil sie zuweilen an Verrücktheit zu grenzen schien, war diese: daß er bei Tische sehr häufig etwas zwischen den Zähnen mit sich selbst murmelte und dabei das Air eines Menschen hatte, der sich allein glaubt oder mit seinen Gedanken an einem andern Ort und mit einem ganz andern Gegenstand beschäftigt ist. Er mußte mir endlich gestehen, daß er in solchen Augenblicken von Abwesenheit mit seinem Drama zu schaffen hatte, und dies nötigte ihn, mir gern oder ungern zu entdecken, daß er an einem Trauerspiel arbeite, aber ein so hohes und vollkommenes Ideal davon seinem Geiste vorschweben habe, daß es ihm noch immer unmöglich gewesen sei, es zu Papier zu bringen. Er habe zwar schon viele Szenen nach und nach aufgeschrieben, vernichte sie aber immer wieder, weil er sich selbst nichts zu Dank machen könne. Ich gab mir alle nur ersinnliche Mühe, ihn zu bewegen, sein Stück, nach dem Plan, den er sich entworfen hatte, auszuarbeiten und fertig zu machen, so gut es geraten wollte, und es mir sodann mitzuteilen, damit ich ihm meine Meinung davon sagen könnte; oder wenn er das nicht wolle, es nur wenigstens für sich selbst zu vollenden, um es dann desto besser zu übersehen, das Nötige zu ändern, kurz alles gehörig auszuteilen [auszufeilen] und zur Vollkommenheit bringen zu können. Sed surdo narrabam fabulam. Endlich nach vielen vergeblichen Versuchen und Bitten, nur eine einzige Szene von diesem fatalen Werk seines Verhängnisses zu sehen zu bekommen, erschien einsmals zufälligerweise an einem Nachmittag die glückliche Stunde, wo ich ihn so treuherzig zu machen wußte, mir einige der wesentlichsten Szenen und mehrere morceaux aus andern, aus dem Gedächtnis vorzudeklamieren. Ich gestehe Ihnen, daß ich erstaunt war, und ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich Sie versichere: Wenn die Geister des Äschylus, Sophokles und Shakespear sich vereinigten eine Tragödie zu schaffen, so würde das sein was Kleists Tod Guiscards des Normanns, sofern das Ganze demjenigen entspräche, was er mich damals hören ließ. Von diesem Augenblicke an war bei mir entschieden, Kleist sei dazu geboren, die große Lücke in unserer dermaligen Literatur auszufüllen, die (nach meiner Meinung wenigstens) selbst von Goethe und Schiller noch nicht ausgefüllt worden ist; und Sie stellen sich leicht vor, wie eifrig ich nunmehr an ihm war, um ihn zur Vollendung des Werks zu bewegen. Er schien zwar damals über die Wirkung, die er auf mich getan hatte, ungemein erfreut und versprach alles Gute: aber dabei blieb es auch, und um ihn nicht zu quälen, fand ich nötig, ihm während der übrigen Zeit, daß er mein Hausgenosse war, so wenig als möglich von seinem Werk zu sprechen. Gegen die Mitte des Märzens [Febr.] trennten wir uns endlich wieder, er verweilte noch mehrere Tage zu Weimar, ging dann nach Leipzig und Dresden und schrieb mir nach Verlauf einiger Monate ein kleines Briefchen, worin er mir einen über Weimar reisenden Freund [v. Werdeck] empfahl, ließ aber seit dieser Zeit nichts weiter von sich hören. Auch klagt mein Sohn zu Wien, daß er seit ihrer letzten Trennung nichts von ihm wisse. Da mir soeben zufälligerweise das Konzept meines dem Herrn von Kleist nach Dresden (oder Leipzig) in Antwort auf sein besagtes Briefchen geschriebenen Briefes unter meinen Papieren in die Hände fällt, so sei mir erlaubt, die sein Drama betreffende Stelle abzuschreiben. [LS 104a]

Ich glaubte ihm durch diesen Eifer, womit ich ihn zur Vollendung seines Werks bestürmte, den größten Dienst zu tun: wie traurig wäre es für mich, wenn es nur dazu gedient hätte, ihn in das Schicksal, das ihn zu verschlingen droht, vollends hineinzustoßen.

(Sembdners Quelle: Orpheus, eine Zeitschrift in zwanglosen Heften. Hrsg. v. Carl Weichselbaumer. Heft 3, Nürnberg 1824, S. 154-60)


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