Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 80)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Christoph Martin Wieland an seinen Sohn Ludwig, 9.-16. August 1802

Weißt Du auch was Schriftstellerei, als Nahrungszweig getrieben, an sich selbst, und besonders heutzutag in Deutschland ist? Es ist das elendeste, ungewisseste und verächtlichste Handwerk, das ein Mensch treiben kann – der sicherste Weg im Hospital zu sterben. … Ich weiß was Du mir sagen wirst – Romane, Schauspiele, Zeitschriften, Taschenbücher – und die Beispiele von Goethe, Schiller, Richter [Jean Paul], Kotzebue, La Fontaine. – In der Tat machen diese fünf eine Ausnahme; aber was sind 5 gegen mehr als 6000 Buchmacher, die es itzt gibt? … Lassen wir aber diese Personen, und sprechen von der Sache selbst. Der Buchhandel liegt in einem so tiefen Verfall und wird mit jeder Messe so viel schlechter, daß selbst angesehene Buchhändler erschrecken, wenn ihnen ein Manuskript, das nicht einen schon berühmten Namen zum Garant hat, angeboten wird. Die Buchläden sind mit Romanen und Theaterstücken aller Art dermaßen überschwemmt, daß ihnen jeder Taler zu viel ist, den sie für ein Schauspiel das nicht von Kotzebue oder Schiller, oder einen Roman, der nicht von Richter, La Fontaine, oder Huber kommt, geben sollen. … Mit Journalen ist vollends gar nichts mehr zu verdienen; es stechen zwar alle Jahre etliche Dutzend neue, wie Pilze aus sumpfichtem Boden, aus den schwammichten Wasserköpfen unsrer literarischen Jugend hervor; aber es sind Sterblinge, die meistens das 2. Quartal nicht überleben. …

Ich gestehe gern, daß alles, was ich von der misere der Schriftstellerei, als modus acquirendi betrachtet, gesagt habe, einige Modifikazion erleiden möchte, wenn die Rede von einem jungen Manne wäre, der sich aus Drang eines inneren Berufs, mit dem Bewußtsein großer und ungemeiner Geisteskräfte und Talente, folglich mit einer vorgefühlten Gewißheit, Sensazion in unsrer geschmacklosen, erschlafften und am liebsten von den excrementen hirnloser Köpfe sich nährenden Lesewelt zu machen, zur Schriftstellerei entschließen wollte. Ich weiß nicht, ob Du dieser junge Mann bist, wiewohl ich einige Ursache habe, sehr daran zu zweifeln. …

Wenn Dein Entschluß, die Schweiz zu verlassen, nicht bereits auf solche Weise eclatiert ist, die eine Änderung in Deiner politischen Lage unmöglich macht, so besinne Dich eines Bessern, und entschließe Dich nicht eher, von der Schriftstellerei zu leben, bis Du moralement gewiß bist, daß Du im Helvetischen Staat kein Unterkommen finden kannst. …

Laß Dir ja nicht beigehen, ohne meinen Willen, nach Jena oder Leipzig zu kommen, falls Herr von Kleist etwa auf den Gedanken käme, Dich mit sich zu nehmen. Du könntest mir keinen größeren Verdruß antun als diesen, und ich könnte es nicht anders aufnehmen, als daß Du Dich auf immer von mir lossagen wolltest.

(Sembdners Quelle: Geiger, Ludwig: Aus Alt-Weimar. Mitteilungen von Zeitgenossen. Berlin 1897, S. 24-35)


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