Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 531a)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Henriette Vogel an Peguilhen. 21. November 1811

Mein sehr werter Freund! Ihrer Freundschaft, die Sie für mich bis dahin immer so treu bewiesen, ist es vorbehalten, eine wunderbare Probe zu bestehen, denn wir beide, nämlich der bekannte Kleist und ich, befinden uns hier bei Stimmings, auf dem Wege nach Potsdam, in einem sehr unbeholfenen Zustande, indem wir erschossen daliegen, und nun der Güte eines wohlwollenden Freundes entgegensehn, um unsre gebrechliche Hülle der sicheren Burg der Erde zu übergeben. Suchen Sie, liebster Peguilhen, diesen Abend hier einzutreffen und alles so zu veranstalten, daß mein guter Vogel möglichst wenig dadurch erschreckt wird; diesen Abend oder Nacht wollte Louis seinen Wagen nach Potsdam [schicken], um mich von dort, wo ich vorgab hinzureisen, abholen zu lassen; dies möchte ich Ihnen zur Nachricht sagen, damit Sie die besten Maßregeln darnach treffen können. Grüßen Sie Ihre von mir herzlich geliebte Frau und Tochter vieltausendmal, und seien Sie, teurer Freund, überzeugt, daß Ihre und Ihrer Angehörigen Liebe und Freundschaft mich noch im letzten Augenblick meines Lebens die größte Freude macht. Ihre A. Vogel.

Ein kleines versiegeltes schwarzes ledernes Felleisen, und einen versiegelten Kasten, worin noch Nachrichten für Vogel, Briefe, Geld und Kleidungsstücke, auch Bücher, vorhanden, werden Sie bei Stimmings finden. Für die darin befindlichen 10 Rth. Courant wünschte ich eine recht schöne blaßgraue Tasse, inwendig vergoldet, mit einer goldnen Arabeske auf weißem Grunde zum Rand, und am Oberkopf im weißen Felde mein Vornamen, die Fasson, wie sie jetzt am modernsten ist. Wenn Sie sich dieser Kommission halber an Buchhalter Meves auf der Porzellanfabrik wendeten, mit dem Bedeuten, diese Tasse am Weihnachts-Heiligabend Louis eingepackt zuzuschicken, doch würden Sie, mein lieber Freund, mit der Bestellung eilen müssen, weil sie sonst nicht fertig werden möchte. Leben Sie wohl und glücklich. –

Einen kleinen Schlüssel werden Sie noch eingesiegelt im Kasten finden, er gehört zum Vorhängeschloß des einen Koffer zu Hause bei Vogel, worin noch mehrere Briefe und andre Sachen zum Besorgen liegen.

(Sembdners Quelle: Lindau, Paul: Über die letzten Lebenstage H. v. Kleists und seiner Freundin. Die Gegenwart, 1873, Nr. 31-34, S. 88 (verbesserter Abdruck nach Textkorrekturen von G. Minde-Pouet))


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