Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 502)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


[Wilhelm Grimm.] Zeitung für die elegante Welt, 10. Oktober 1811

Der ungemeine Beifall, welchen der erste Teil dieser Erzählungen gefunden, ist ein sehr erfreulicher Beweis von der Empfänglichkeit der Lesewelt für das Vortreffliche, und von ihrer Bildungsfähigkeit, an welche viele, weil sie nur auf das Schlechte und Mittelmäßige sehen, das in jeder Messe erscheint, keinen rechten Glauben haben. Es ist gewiß, daß dieses Schlechte und Alltägliche gleichfalls nicht wenig gelesen wird; man hält sich aber, weil das Bedürfnis des Lesens nun einmal, gleichsam als ein Ersatz für das minder reiche und selbständige Leben unserer Zeit, allgemein gefühlt wird, an solche wertlose Produkte bloß deshalb, weil man eben keine bessern hat; man nimmt mit ihnen vorlieb, wie man überhaupt mit nur zu vielem Gewöhnlichen im täglichen Laufe des Lebens vorlieb nehmen muß. Darum ist aber der Sinn für das Bessere und wahrhaft Schöne keinesweges erstorben, höchstens wird er nur mehr oder weniger durch den notgedrungenen Genuß des Kraft- und Leblosen abgestumpft. Würde nur viel Gutes und Treffliches dargeboten, die allerwenigsten möchten dann nach dem Verwerflichen und Gemeinen noch greifen, von dem sie eben nichts zu sagen wissen, als daß es doch immer besser wie gar nichts sei, dahingegen das Vorzügliche all ihre Lebenskraft aufregt und in Schwung setzt, daß sie gleichsam staunen über das dunkele Gefühl, welch eine Fülle von Kräften, guten und bösen, in der Brust der Menschen wohnt. -

Dieser zweite Teil nun darf sich fast gleichen Beifall versprechen, und wir können auch an ihm im ganzen alles das Gute rühmen, was wir im vorigen Jahrgange [s. LS 370] von dem ersten gesagt haben. Auch hier zeigt der Verfasser sein außerordentliches Talent in der Kunst, die innersten verborgensten Gefühle darzulegen, den Stufengang der Leidenschaften mit einer ergreifenden tiefwirkenden Kraft abzuschildern und die besondern Gemütslagen so anschaulich zu vergegenwärtigen und so lebendig vor den innern Sinn hinzuzaubern, daß der Leser an die Dichtung, wie an eine wirkliche Erscheinung, zu glauben sich gezwungen fühlt. Vornehmlich ist dies der Fall bei der ersten Erzählung: die Verlobung in St. Domingo, und ganz insbesondere in der Hauptszene, wo geschildert wird, wie die Allgewalt der Liebe allen Trug und Lug eines mißleiteten Mädchenherzens durchbricht, und die edle Natur aus ihrer Unterdrückung zum höchsten Gipfel der Freiheit hinaufhebt. Diese Szene ist in jeder Hinsicht meisterhaft, und bei aller Außerordentlichkeit, mit einer so überzeugenden Wahrheit, mit einer solchen individuellen Anschaulichkeit dargestellt, daß sie zugleich wie ein lebensvolles Gemälde und wie ein ewig wahrer Gedanke wirkt. Man wird dabei an Goethes Bajadere von fern erinnert, doch so, daß die Vergleichung den Genuß nicht stört; denn hier wie dort vermißt man nichts. Den Ausgang dieser Geschichte möchte man weniger entsetzlich wünschen; er ist fast zu gräßlich, um ein wahrhaft tragisches Gefühl zu erwecken; in der schnellen Vernichtung beider Liebenden liegt jedoch etwas Milderndes. - Überhaupt ist es etwas auffallend, daß die sämtlichen Erzählungen ins Gräßliche gehen, und ein überwiegender Hang zum Düstern und Schauderhaften ist an der Wahl des Stoffs wie an der Behandlung nicht zu verkennen.

Das Bettelweib von Locarno ist eine schauerliche Gespenstergeschichte, trefflich und ganz in dem eigentümlichen Tone vorgetragen, der einem solchen Stoffe zukommt. Von jener erkünstelten Zusammenhäufung gespenstlicher Apparate und von jener alle Wirkung wieder aufhebenden, inkonsequenten Ungläubigkeit, die den Aberglauben zu befördern fürchtet, und in manchen beliebten und bekannten Gespenstergeschichten sich so possierlich ausnimmt, ist hier nicht die geringste Spur. Die Sage ist schlicht erzählt, und gibt sich wie ein rätselhaftes Faktum, das man dahin gestellt sein läßt.

Im Findling ist ein höchst düstres, grausenhaftes Gemälde wilder Leidenschaft und teuflischer Bosheit aufgestellt. Teilweise tut es große Wirkung, die auch das Ganze machen würde, wenn nicht ein Hauptumstand, die täuschende Ähnlichkeit des Bösewichts mit dem Retter seiner Pflegemutter, etwas zu viel Glauben verlangt.

Der Zweikampf ist eine Rittergeschichte, wie es deren mehrere gibt: der Vortrag ist hier etwas schwerfallig und gezwungen. Noch mehr ist dies der Fall in der Legende: die heilige Cäcilie, oder die Gewalt der Musik, wo uns der wahre Ton überhaupt nicht getroffen scheint.

(Sembdners Quelle: Zeitung für die elegante Welt. (Seit 1805 hrsg. v. August Mahlmann.) Leipzig 1811. – Sembdner, Helmut: H. v. Kleist im Urteil der Brüder Grimm. Jahrb. d. Dt. Schillerges. 1965, S. 420-440 (Sembdner, Helmut: In Sachen Kleist, S. 227-250)


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