Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 436b)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


[Gubitz.] Morgenblatt. 18. Dezember 1810

Berlin, 28. Nov. Nachdem es gewiß war, daß Madame Bethmann sie [die Rolle der Emmeline in der »Schweizerfamilie«] nicht übernehmen wollte, der angreifenden Gesangpartie wegen, so blieb der Direktion nichts übrig, als sie der Mlle. Herbst zu geben, welche auch im Spiel und Gesang Sorgfalt und Studium zeigte. Einige junge Leute hatten viel dawider, und vorausgegangene Anzeigen verkündeten ein Ungewitter, obgleich sie bei der Frage nicht imstande gewesen wären, eine andre Schauspielerin vorzuschlagen. Die Sängerin wurde nach der Aufführung fast von allen Stimmen herausgerufen, die wenigen Pocher trieben ihr Handwerk, und gingen in Roheit und Parteiwut so weit, selbst dann noch zu pochen, als die immer wiederholt Gerufene auf der Bühne stand. Ein Polizeibedienter hielt einen der ärgsten Pocher, einen jungen Edelmann, fest; und zwang ihn, späterhin, nachdem die große Menschenmasse fort war, der Sängerin seine Unhöflichkeit abzubitten. Dies brachte gegen die Arme eine wahrhafte Verschwörung zustande; bei der zweiten Vorstellung der Schweizerfamilie, welche auf gestern bestimmt war, wurde, sogleich nach dem Erscheinen, von den natürlich in großer Anzahl erschienenen Ruhestörern so furchtbar gepocht und gepfiffen, daß Klatschen und Bravorufen übertäubt blieb, und nach dem ersten Akte, in welchem die Gemißhandelte bewunderswürdige Geistesgegenwart behielt, auf Ifflands Verfügung der Vorhang herabgelassen, und in Eile nur zwei kleine Stücke gegeben. Das Publikum ist höchst unwillig über ein so erbärmliches Betragen, und jeder Vernünftige verwahrt sich gegen den Anteil daran. Wahrscheinlich werden von Seiten der Polizei Maßregeln getroffen, diesem unnatürlichen Despotismus über das Vergnügen anderer zu begegnen. Die Urheber sind bekannt, es verlohnt sich indessen nicht der Mühe, sie zu nennen. -

(Sembdners Quelle: Morgenblatt für gebildete Stände. Tübingen: Cotta 1810. – Staengle, Peter: Kleists Pressespiegel. In: Berliner Kleist-Blätter 5/1992, S. 60)


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