Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 352)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


[F. K. Weidmann.] Der Sammler, Wien, 22. März 1810

Wien. - Am 17. März wurde im k. k. priv. Theater an der Wien zum ersten Male: Das Kätchen von Heilbronn, ein Schauspiel in 5 Aufzügen, von Heinrich v. Kleist, gegeben. Dieses Theaterstück soll ein romantisches Gemälde der Liebe eines Bürgermädchens aus Heilbronn darstellen, das, von diesem Gefühle unaufhaltsam hingerissen, einem Grafen Wetter von Strahl überall auf dem Fuße folgt. Der verlassene Vater hält diese ungewöhnliche Erscheinung für Wirkung der Zauberkraft, und klagt den Grafen vor der heiligen Vehme an. Diese untersucht im ersten Akte diese Anklage, und spricht den Grafen, der sich durch einen interessanten Dialog mit dem Mädchen rechtfertiget, von aller Schuld frei. Der Graf befiehlt nun der Dirne, zu ihrem Vater zu ziehen, und er selbst zieht in das Land, um dem Ausbruche angesponnener Fehden zuvorzukommen. In einer stürmischen Nacht befreit er seine Feindin, die Freifrau von Thurneck, aus den Händen seines Freundes, des Burggrafen von Freyburg. Die Nacht hinderte ihn, zu unterscheiden, mit wem er das Abenteuer zu bestehen habe. Im Kampfe fällt der Burggraf, stirbt auf der Bühne - und erscheint doch am Schlusse des Schauspiels wieder! - Die Freifrau von Thurneck, eine mannssüchtige, heillose Giftmischerin, gewinnt durch anscheinende Großmut das Herz des Grafen von Strahl in einem solchen Grade, daß er sie zu ehelichen beschloß. Indessen schmiedete sie an seinem Untergange, ihre Verbündeten sollten des Nachts seine Burg erstürmen, und ihre Zofe dem Grafen und seinen Angehörigen Gift mischen. Die Befehlsbriefe wurden aber durch Zufall verwechselt, und gerieten in die Hände eines Waldbruders, bei dem Kätchen sich eben aufhielt. Diese sandte er mit dem Briefe an den Grafen, und hintertrieb auf diese Art den Anschlag. Die Burg wurde dennoch angezündet. Kätchen rettet mit edler Aufopferung der Freifrau von Thurneck ein Kästchen mit einem Bilde und anderen Kostbarkeiten. Das Haus stürzt über dem Mädchen zusammen; ein in der Luft schwebender Genius! erhält sie aber am Leben, und bringt sie unversehrt aus den Flammen. Ein Genius meldet es auch dem Grafen, daß er eine Fürstin heiraten würde, und er selbst erfährt von dem, im Garten schlafenden Kätchen, - daß er unaussprechlich geliebt sei. Am Schlusse erscheint der Herzog aus Schwaben, erklärt Kätchen für seine Tochter, und als die Vermählung der Freifrau von Thurneck schon vor sich gehen sollte und sie im vollen Prunke als Braut erschien, erklärt sie der Burggraf von Freyburg dieser Ehre unwürdig, und holt Kätchen, als Fürstin gekleidet, zum Traualtare. Die Giftmischerin wird zum Kerker verdammt. - Man sieht es dem Ganzen an, daß dieses Schauspiel nichts anders als ein ziemlich unzusammenhängendes Gerippe einer Rittergeschichte sei, bei dem man sehr oft von der Kette der Ideenverbindung losgerissen wird. Viel Sonderbares liegt in Kätchens und in ihres Grafen Charakteren, und obschon sie nicht vom Dichter ihre Vollendung erhielten, so wußte sie doch das anziehende Spiel der Mad. Pedrillo und des Hrn. Grüner interessant zu machen. Das ist aber auch alles; denn die übrigen Rollen gleichen bloßen Entwürfen, die der Zufall zusammengetragen hat. Auch die Sprache ist hier und da nicht anständig genug, z. B. der Ausdruck: Geh, Narr! der du bist - und da, wo der Graf dem Bürgermädchen seine Gefühle aufdeckt, versteigt er sich so sehr in das Gebiet der Mythologie, daß er gewiß nicht verstanden werden konnte. Ein Teil des Publikums ergötzte sich an dem bunten Wechsel der Dekorationen, am Kostüme, und an dem unbegreiflichen Zusammenhang der Szenen; der gebildetere Teil wünschte dem Dichter einen solidern Geschmack, Konsequenz, und Studium des Horaz'schen Briefes an die Pisonen.

(Sembdners Quelle: Der Sammler. Wien 1810)


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