Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 316)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Friedrich Christoph Dahlmann, Autobiographie (1849)

Das Jahr 1808 kam, und ich ging mit meinen älteren Geschwistern zu Rate über meine Zukunft: wir wurden einig, ich sollte nach Dresden gehen, von wo aus Adam Müller sich bereit erklärt hatte, ein ansehnliches Bruchstück meiner Wolken [Übersetzung nach Aristophanes] in seinen Phöbus aufzunehmen. Allein als ich zu Ende des Jahres an Ort und Stelle kam, ging diese mit unzeitigem Prunke begonnene Zeitschrift bereits ihrer Auflösung entgegen, Adam Müller und Böttiger versammelten in ihren Vorträgen über Staat und Kunstgeschichte eine vornehme Welt um sich, und mein Traum von eigenen Vorträgen über Athens Geschichte mußte vollends schwinden, als mit dem Frühling des nächsten Jahres ein österreichischer Krieg mit Frankreich in Aussicht trat, welcher unvermeidlich Sachsen verwickeln mußte. Nun hatte ich in Dresden den Maler Ferdinand Hartmann kennen gelernt, der mit seiner Kunstbegabung eine ausgezeichnete wissenschaftliche Bildung und, was mehr ist, ein dem deutschen Vaterlande bis in den Tod getreues Gemüt besaß. Der gleiche Drang verband mich mit dem weit älteren Manne zum Freunde des täglichen Umganges. In unsern Gesprächen wechselten die Drangsale der Gegenwart mit heitern Bildern der Zukunft und manchem neckischen Scherze ab. Einst mußte ich sehr lachen, wie mir Hartmann in seiner stark württembergischen Mundart von Heinrich von Kleist und seiner Freundschaft mit Adam Müller erzählte, die aber plötzlich ein Ende genommen, dann von seinen edeln vaterländischen Liedern, und wie Kleist ihn eines Tags gezwungen davon vorzulesen, und zwar mit den Worten: »Sie lesen so entsetzlich schlecht, lieber Hartmann, daß, wenn meine Lieder mir aus Ihrem Munde noch gefallen, sie gewiß gut sein müssen«; dennoch habe er nachgegeben. Wenig Tage darauf traf ich Hartmann mit Kleist auf der Dresdner Brücke, unserm gewöhnlichen Stelldichein. Nicht lange, so trat Böttiger heran und spannte über unsern Häuptern seine antiquarischen Netze aus. »Ich denke, wir lassen Hartmann mit Böttiger im Stiche«, sagte ich zu Kleist, und wir schlichen uns fort und blieben den Abend draußen zusammen.

Seitdem waren wir eng verbunden, und nicht lange, so wanderten wir zusammen aus Dresden fort [am 29. April 1809], der böhmischen Grenze zu. Wir wollten nicht bei den Sachsen bleiben, die unter Bernadotte gegen Deutschland zogen, Deutschland, das wir um so tiefer im Herzen trugen, je weniger es draußen zu finden war. Unser Vorsatz war, von Böhmen aus nach allen Kräften dahin zu wirken, daß aus dem österreichischen Kriege ein deutscher werde. Nicht daß wir uns mit der Hoffnung auf augenblickliche Erfolge getäuscht hätten; wir verlangten von Österreich nur Ausharren trotz der Niederlagen, und glaubten an der Haltung der Gebrüder Stadion zu erkennen, daß der Staat entschlossen sei, diesmal seinen letzten Kampf zu kämpfen; wenn dem aber so sei, so werde auch Preußen sich aufraffen aus seinem schmählichen Schwanken zwischen Sein und Nichtsein, das übrige Deutschland aber werde den vereinigten Adlern Österreichs und Preußens folgen. In welchem Lichte Kleist die Stimmung des anfangs schwachen, allein im wachsenden Drucke erstarkenden deutschen Volks betrachtete, zeigt eine Stelle seiner damals vollendeten Hermannsschlacht, die ein treues, wenn auch manchmal grelles Bild der Zeiten aufstellt. Die Barden im deutschen Heere singen:

Wir litten menschlich seit dem Tage,
Da Varus bei uns eingerückt;
Wir rächten nicht die erste Plage,
Mit Hohn auf uns herabgeschickt;
Wir übten nach der Götter Lehre
Uns durch viel Jahre im Verzeihn,
Doch endlich drückt des Joches Schwere,
Und abgeschüttelt will es sein.

Mit Hülfe eines österreichischen Gesandtschaftspasses, der freilich zugleich die Reisenden unauflöslich an einander schmiedete, fanden wir, als die Grenze schon abgesperrt war, glücklich Unterkunft in Prag, wo damals alles zusammenfloß, was an den Glauben an die Wiedergeburt Deutschlands sich wagen wollte. Hier begegnete man den Mannschaften des Freikorps, welches der alte landflüchtige Kurfürst von Hessen buntscheckig uniformiert errichtete; die braven Leute lachten selbst über die Zöpfe, die ihnen der blinde Eigensinn des alten Herrn einband; hier sah man die Totenköpfe des vertriebenen Herzogs von Braunschweig wandern, und mit jedem Tag ward es voller von ausgetretenen preußischen Offizieren, welche teils österreichische Dienste suchten, teils eine eigene Freischar bilden wollten. Führte mich außer der eigenen Neigung schon die Stellung Kleists, der die ersten Feldzüge des Revolutionskrieges als preußischer Gardeoffizier mitgemacht hatte, vorzugsweise diesen zu, so war es doch keineswegs leicht, mit ihnen in ein richtiges Verhältnis eines offenen und zugleich einträchtigen Gedankenaustausches zu kommen. Denn wenn ich schmerzlich davon durchdrungen war, daß die Politik Preußens seit des großen Friedrichs Tode niedere Bahnen suche, auf welchen weder die Rettung Deutschlands, noch das Sonderheil von Preußen zu finden sei, so ertrugen diese schwer jede Kundgebung solcher Art, sie betrachteten sich noch immer als die alte Phalanx des unsterblichen Königs, der der Sieg nicht fehlen gekonnt, wenn nur diese oder jene Mißbräuche und Mißgriffe nicht im Wege gestanden hätten. So wenig politische Einsicht hierin lag, so flößte doch die menschliche Haltung dieser Männer, ihr ungebrochener Glaube an Preußen wahrhafte Ehrfurcht ein; man mußte sich sagen, hier sei jenes Selbstgefühl in vollem Maße vorhanden, welches politische Größen baut, dessen Eigensinn und höhnisches Übermaß sich vergibt, weil ihm die Fähigkeit jedes Opfer zu bringen zur Seite steht, jenes Selbstgefühl, durch dessen Absterben das deutsche Reich zu Grunde gegangen ist.

Als nun aber nach den Regensburger Tagen die gesteigerte Ungeduld uns beide Reise-Siamesen näher an die Donau trieb, und wir in den Rayon des österreichischen Heeres traten, wie wurden die Preußen von Jena dort allenthalben als Feige und Weichlinge geschmäht, und die Oberdeutschen, denen man den Mut schon lassen mußte, als Verräter Deutschlands an Frankreich! Zwei Tage nach der Schlacht von Aspern erlebten wir, die das Schlachtfeld zu betrachten kamen, einen sonderbaren Auftritt. Beim Hin- und Herwandern standen wir der Lobau gegenüber, und ich fragte, auf einen schmalen Arm der Donau zeigend, einen Bauern, der Kugeln sammelte, ob die Franzosen hier eine Brücke gebaut oder die Furt, die nicht tief schien, durchwatet hätten? Der ehrliche Mann verstand das so, als ob ich zu den Franzosen auf der Lobau hinüber wolle, und machte gleich seine Anzeige. Als aber auf den Lärm von zwei Spionen sich eine große Schar von Soldaten schimpfend um uns sammelte, da war es ein halb trauriger, halb komischer Anblick, wie Kleist seine franzosenfeindlichen Gedichte aus der Tasche zog und dadurch Wunder zu wirken glaubte. Allein selbst bei den Offizieren tat das keine andere Wirkung, als daß die einen zur Schmach eines ehrenvollen Namens Kleisten fragten, ob er dem Magdeburger Kleist verwandt sei, die andern aber, welche einzelnes in den Gedichten lasen, dem Verfasser Vorwürfe machten, daß er sich in Politik und überhaupt in Dinge mische, die einen guten Untertanen gar nichts angingen. Die Sache selbst war ungefährlich und ward durch den Feldmarschall Grafen Hiller, in dessen Hauptquartier zu Neustädtl [Neusiedl] wir geführt wurden, unmittelbar mit großer Freundlichkeit beendigt.

Bald darauf schwanden die Hoffnungen der Vaterlandsfreunde. Die Schlacht von Aspern blieb zur Trauer des tapfern österreichischen Heeres unbenutzt, und als der Tag von Wagram kam, zog Kaiser Franz, wenn es anders wahr ist, was Männer von großer Geltung in Österreich erzählen, die Niederlage der Gefahr vor, daß ein Bruder, in dem er mit Verdruß den Liebling des Volks erblickte, zum zweitenmal Sieger sei; denn unmittelbar vom Kaiser, so erzählen jene, kam die Weisung an den Erzherzog Johann, dem Erzherzog Karl nicht zu Hülfe zu ziehen. Wie dem nun sei, die Schlacht ging verloren, und was weit schlimmer, ein Waffenstillstand tat kund, daß auch diesmal nur um der Dynastie, nicht um des treuen Volkes willen gekriegt worden sei.

Wir waren wieder nach Prag zurück und saßen gerade im Gasthofe zum Erzherzog Karl, der seitdem eingegangen ist, zu Tische, als ein Adjutant des französischen Kaisers, der Herr von Montesquiou, eintrat, der die Nachricht vom Waffenstillstande nach Dresden bringen sollte. Nicht lange, so saß er mit bei Tische und die französisch sprechenden Nachbarn wetteiferten, ihm Artigkeiten zu bezeigen, in dem Grade, daß sie dem Gaste für den Fall, daß er nicht zu sehr eile, sogar wenig ehrbare Nachweisungen erteilten. Neben mir saß inzwischen lautlos einer, der sich mir seit mehreren Tagen als ein Tyroler zu erkennen gegeben hatte, der unter angenommenem Namen im Begriffe sei nach England abzugehen, um nachdrücklichere Unterstützung mit Geld und Waffen für sein Volk zu erbitten. Als nun die Rede allmählich auch auf den Waffenstillstand kam, bat mich dieser inständig, ich möge nach dem Schicksal seiner Landsleute fragen. Ich überwand mich, ging um den Tisch und stellte die Frage. Der Franzose maß mich mit kaltem Blicke und antwortete: On n'a pas fait mention d'eux. Als ich die Worte hinterbrachte, stand der Tyroler auf und verließ schweigend das Zimmer. Es muß in diesen Regionen die Forderung des Herzens oft schweigen vor dem Gebot der Notwendigkeit; allein bei der österreichischen Regierung war die Scheu vor einem Volkskriege weit nüchtiger als der Haß gegen Napoleon. Die österreichische Landwehr, an sich ein waglicher Versuch, war weit tapferer, vor allem aber waren die Tyroler weit hochherziger gewesen, als es sich für gute österreichische Untertanen geziemen wollte.

Dem unrühmlichen W1ffenstillstande folgte ein unrühmlicherer Friede, und das war wohl eine schwere Zeit von langen drei Jahren, die jetzt kam.

(Sembdners Quelle: Springer, Anton: Friedrich Christoph Dahlmann. Bd. 1, Leipzig 1870, S. 455-59)


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