Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 296a)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


[Böttiger.] Der Freimüthige, 5. Dezember 1808

Nachdem der Sonnengott, wegen Ungunst der Zeit, die eignen Pferde hat abschaffen müssen, und den gewöhnlichen Weg des literarischen Fortkommens eingeschlagen hat, das heißt: seit das Journal Phöbus den Selbstverlag verlassen hat, und in die Hände der Waltherschen Hofbuchhandlung in Dresden übergegangen ist, verspricht es, regelmäßiger, als bisher, zu erscheinen, und wir haben das 6. Stück, Junius 1808, vor uns liegen.

Als neue Mitarbeiter sind uns Frau von Stael, die Gebrüder Schlegel und Ludwig Tiek angekündigt worden, und erstere hat schon in diesem Hefte Wort gehalten. …

Der Herr v. Kleist gibt uns darauf den Anfang von einer Lebensgeschichte von Michael Kohlhaas, der uns auf die versprochene Fortsetzung gar nicht neugierig macht. So langweilig ist dieser Eingang, so breitgesponnen jeder Faden, daß aus diesem Gewebe ohnmöglich etwas anders, als ein Stück schlechter Ware, gewebt werden kann. Wem dies Urteil zu hart scheint, der lese nur Seite 26, 27 und 28 das erbauliche Gespräch zwischen Kohlhaas und seinem Knechte, und Seite 29 und 30 den Handel über sein Gut. Was wir Seite 33 aus den Gedankenstrichen, als Kohlhaasens Weib gestorben war: »Kohlhaas dachte - - - küßte sie, usw.« machen sollen, können wir auch nicht einsehn. Übrigens hätten wir Herrn v. Kleist, ohne daß er nötig gehabt hätte, seinen Namen beizufügen, schon aus den schönen Wendungen: auf Knieen - bleich im Gesicht wie Linnenzeug - wenn der H … A … die Pferde nicht wieder nehmen will - wodurch auch hast Du Dir - usw. als Verfasser dieses Machwerks erraten. …

Zunächst haben sie es [in der »Kunstkritik«] auf die Betrachtung der künstlerischen Laufbahn Schillers angesehn. Allerdings ein Stoff, der unser aller Aufmerksamkeit reizen, aber auch zu sehr hohen Erwartungen berechtigen muß. Vor allen aber rufen wir ihnen zu: nur Unbefangenheit, Unparteilichkeit! Aber ach! wie sollen wir sie von denen erwarten, die, obschon sich bessern wollend, doch auf derselben Seite gestehn, daß sie mit ihren Vätern über deren Gleim, und Hagedorn, und Wieland nie hätten einig werden können, und daß diese Dichter von ihnen, den Zungen, - wie sie sich selbst nennen, - bisher herabgesetzt worden sein! Möchte der Phöbus selbst unsre trüben Ahnungen widerlegen, wir würden uns herzlich darüber freuen.

Schließlich folgen nun noch zwei Dutzend Epigramme vom Herrn v. Kleist, welche zum Teil nicht übel geraten sind, ob wir schon nicht wissen, wohin wir Nr. 3, das frühreife Genie (betr. Goethes Sohn]:

Nein! das nenn' ich ein frühgereiftes Talent- doch! bei seiner
Eltern Hochzeit bereits hat er das Karmen gemacht.

sowohl wegen seiner Eleganz, als seiner Versrichtigkeit rechnen sollen.

Auf uns selbst müssen wir wohl die drei letzten Epigramme: Die gefährliche Aufmunterung. An einen Anonymus im F. … (soll heißen Freimüthigen) ziehen; indes erfrechen wir uns immer noch, zu behaupten, daß Herr v. Kleist uns bis jetzt in seinen Epigrammen - vielleicht, weil sie das kürzeste sind, was er schrieb - noch am besten gefiel; und zum Dank, daß er uns besang, geben wir ihm auch ein Xenion zum Abschiede:

Das gezwungene Lachen
Sieh! wir zeigen so sanft dir Fehler und Schwächen und Mängel;
Aber du lachst! - Wir sehns, wie du dich kitzelst dazu.

- p

(Sembdners Quelle: Der Freimüthige, oder Berlinisches Unterhaltungsblatt fiir gebildete, unbefangene Leser. 1808)


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