Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 289b)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Fouqué an Varnhagen von Ense in Dresden. Nennhausen, 26. September 1808

Grüße Heinrich Kleist von mir. Hast Du im letzten Phöbus-Hefte das Fragment des Robert Guiskard gelesen? Mir hat es günstige Hoffnungen für das Ganze erweckt; trachte doch, es zu lesen, und schreibe mir darüber. Das Käthchen von Heilbronn, ein andres Fragment darin, ist mir hingegen sehr widrig erschienen, jedoch höre ich, daß eben dieses bei seinen Freunden den rauschendsten Beifall finden soll. - Du wirst auch wohl sonst Pfuel, den Bruder desjenigen, den Du hier sahest, in Dresden antreffen, da er Kleists vertrauter Freund ist. Auch ihm meine herzlichen Grüße. Er ist ein wackrer, scharfsinniger, sehr gutmütiger Mensch, so seltsam auch bisweilen gewisse vorgefaßte Meinungen und Ansichten sein Innres verschlossen halten vor Erscheinungen, die ihm von einer ungewohnten oder unautorisierten Gegend her aufgehn. Vielleicht aber, daß dieses Übel einem mannigfachem Umgange weicht, in einem Kreise, wo er der guten Köpfe mehr findet, als er bisher gewohnt war, neben sich zu sehn. Ich fand ihn schon bei seiner letzten Anwesenheit vorteilhaft verändert. - Was soll ich Dir von Adam sagen? Es scheint mir noch immer der Anfang, zwar nicht alles, aber doch vieles Übels in ihm zu liegen, wenigstens für den Phöbus. Aufrichtig gesagt ist dies mehr ein Vorurteil als ein Urteil selbst, denn ich habe so gut als nichts von ihm gesehn. Ein gewisser prätensionsvoller und mir bereits durch andre widrig gewordener Ton treibt mich immerdar schon fast am Eingange seiner Aufsätze in die Flucht. - Du wirst wohl dort einen Doktor Schubert kennenlernen, einen Naturphilosophen, von dem Ernst Pfuel viel Vorteilhaftes gesagt hat. Ein paar ganz kleine Fragmente aus seinen Vorlesungen im Phöbus haben mich sehr angezogen durch ihre würdevolle kräftige Sprache, und durch das tiefe, herzinnige Gefühl, welches sich darin ausspricht.

(Sembdners Quelle: Rahmer, Sigismund, H. v. Kleist als Mensch und Dichter. Nach neuen Quellenforschungen. Berlin 1909, S. 107)


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