Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 267)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


[Böttiger.] Der Freimüthige, 10. und 11. Juni 1808

Freundlicher, als in den Wintermonaten, begrüßt uns im Frühlinge die Sonne; so scheint es auch bei des Phöbus viertem und fünftem Stück, April und Mai 1808, welche zusammen in einem Hefte ausgegeben werden, der Fall zu sein. Hie und da freilich spukt noch Aprilwetter, aber manche liebliche Blume entsproßt doch auch unter dem wärmern Strahle des Mais.

Ein Fragment aus einem Trauerspiele: Robert Guiskard, Herzog der Normänner, vom Hrn. v. Kleist, eröffnet das Heft. Über das Ganze läßt sich aus dem kein Urteil fällen, was hier vor uns liegt, einiges indes, wie die Schilderung der im Lager Roberts ausgebrochnen Pest, samt dem Andringen des Volks, es ins Vaterland zurück zu führen, ist weder in Hinsicht der Sprache und des Ausdrucks, noch des Ganges der Handlung interessant, doch an Regelmäßigkeit und Haltung der Charaktere der Penthesilea weit vorzuziehn. …

(Der Beschluß folgt.)

Nro. 8 gibt Fragmente aus einer Vorlesung des D. Schubert; sie beschäftigen sich mit einer merkwürdigen Versteinerung [Bergmann von Falun], und der ehemaligen Ansicht der nördlichen Welt, sind aber viel zu kurz. Eine hohe Poesie des Vortrags spricht aus ihnen. Die Vorlesungen selbst sind bereits unter dem Titel: über den Wunderglauben, angekündigt.

Die Epigramme von Hrn. v. Kleist, Nro. 9, deren wir 24 erhalten, sind nicht ohne Witz und meist gegen seine eignen Werke, die Penthesilea, Marquise von O und Robert Guiskard gerichtet, wo denn die Persiflage ziemlich leicht ward. Seit dem Unglücksfalle, der den zerbrochenen Krug in Weimar noch einmal fallen ließ, scheint er selbst auf Goethe bös zu sein; denn das erste Epigramm heißt:

Herr von Goethe
Siehe, das nenn ich doch würdig, fürwahr, sich im Alter beschäft'gen!
Er zerlegt jetzt den Strahl, den seine Jugend sonst warf.

und das neunte:

Der Theater-Bearbeiter der Penthesilea

Nur die Meute, fürcht' ich, die wird in W… (Weimar) mit Glück nicht
Heulen, Lieber; den Lärm setz' ich, vergönn', in Musik .

… In Nro. 12 - ein Druckfehler sagt XIV. - spendet Hr. von Kleist uns abermals ein Fragment, - deren überhaupt doch wohl zuviel in diesem Hefte sein möchten - und zwar diesmal von einem halb in Prosa, halb in Jamben gedichteten Schauspiele: Käthchen von Heilbronn, oder die Feuerprobe. Dies muß ein Zug- und Kassen-Stück werden; denn gleich der erste Akt spielt in einer unterirdischen Höhle, wo das Vehmgericht haust, welches eben in seiner ganzen fürchterlichen Düsternheit versammelt ist. Hr. von Kleist scheint sich, wie der zerbrochene Krug besagt, nun einmal in die Gerichtsszenen besonders einstudiert zu haben; denn der ganze erste Akt enthält auch hier die Anklage gegen Graf Wetter vom Strahle - ein gewaltiger Name - dessen Verteidigung und Konfrontation mit Käthchen von Heilbronn, so wie endliche Absolvierung. Warum nun das erste bis zu Käthchens Eintritt in ehrlicher Prose verhandelt wird, dann aber plötzlich bis ans Ende der vornehme Jambus sich hören läßt, ist nicht abzusehen, besonders da der zweite Akt, welchen ein in nicht geringer Geistesbewegung von dem Grafen vom Strahle gesprochener Monolog eröffnet, der den Vers eben deshalb recht gut vertrüge, ebenfalls wieder in die Prosa zurücksinkt. Was nun obbesagtes Verhör, und zwar namentlich die Klage Vater Theobalds anlangt, so ist nicht in Abrede zu stellen, daß derselbe sehr kraftvoll seine Worte zu setzen wisse. In der Tat herrscht viel kecke Poesie in den Reden Theobalds, deren Derbheit sein Waffenschmiedshandwerk wohl entschuldigt, dagegen die Reden des Grafen vom Strahle matt und weitschweifig sind, besonders wenn er erzählt, wie er Käthchen auf der Treppe gefunden habe, mit Hemden, die er abgelegt, und Strümpfe (nicht Strümpfen) flickend beschäftigt. So ruft der Waffenschmied auch grundgelehrt Seite 85 die Hekate, Fürstin des Zaubers, moorduftige Königin der Nacht, an, und sehr höflich nennt ihn der Graf dagegen ebendaselbst einen alten Esel. Ob sich Ideen, wie Seite 89, in des Vehmrichters Munde:

Du Närrin, kaum der Nabelschnur entlaufen,

und Ausdrücke wie Seite 90:

Gestürzt auf Knieen -

entschuldigen lassen, überlassen wir dem Leser. Romantisch ist die Anlage des Ganzen gewiß, wenn man darunter unbegreiflich versteht. Ein schmuckes Mädchen, das beim ersten Anblick eines Ritters bis zur Ohnmacht erschüttert wird, ihm, als er fortreitet, 30 Fuß hoch zum Fenster heraus nachspringt, dabei beide Lenden sich bricht, und nach 6 Wochen doch dem Ritter flink nachzieht, ihn auch richtig trifft, die niedrigsten Mägdedienste verrichtet, in seinen Ställen schläft, und, vom Vater zurückgefordert, vor der heiligen Vehm durch ein Versprechen, das sie soeben dem Ritter gegeben, gebunden, nur unter einer abermaligen schweren Ohnmacht zu dem Vater zurückkehrt - - Doch wir wollen über den Plan aus einem Fragmente nicht richten. Die unendliche Ergebung Käthchens an den Grafen, die Demut gegen ihn im Verhör, rühren gewiß jedes Gemüt, nur sind sie zu lang ausgesponnen, und oft die Rede zu zerstückelt, wie überhaupt an vielen Stellen die öftern kurzen Fragen, Wiederholungen usw. einen unangenehmen Eindruck machen. Der Monolog des Grafen, womit der 2. Akt sich anfängt, und der zwei enggedruckte Quartseiten lang ist, verdirbt wieder all die angenehmen Empfindungen, die man vielleicht aus einigen Stellen des letzten Auftritts mit herübergebracht hat. Zu weitläuftig wär es, ihn genau durchzugehn …

- z.-

(Sembdners Quelle: Zeitung für die elegante Welt. (Seit 1805 hrsg. v. August Mahlmann.) Leipzig 1808)


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