Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 258)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Adam Müller an Frhr. v. Müffling in Weimar. Dresden, 29. März 1808

Unsere gemeinschaftlichen Buchhandlungsprojekte sind durch die Sprödigkeit der Regierung, vielleicht auch durch den Einfluß des Böttiger und ähnlicher Leute vereitlet worden. In der Redaktion des Phöbus, bei der ich überhaupt nur untergeordnet und abhängig wirke, muß eine große Veränderung vorgenommen werden, wenn derselbige, trotz der guten Absicht, ohne bedeutenden Verlust getragen werden soll, und deshalb hoffe ich, Kleist zu alleiniger Übernahme der Redaktion zu überreden. - Meine Umstände nun machen es mir zur Pflicht, für die Zukunft zu sorgen, und an ein kleines, aber sichereres Etablissement zu denken, als mir die Gunst des Dresdener Publikums und eine Partei geistreicher und wohldenkender Freunde gewähren kann. Den Aussichten, die sich mir mit Hülfe aller Konnektionen in Wien eröffnen, würde ich ungern folgen, da mir die Freiheit des Denkens und Dichtens erstes Lebensbedürfnis ist. Deshalb frage ich Sie, der Sie die Umstände kennen, ob für mich vielleicht die Hoffnung zu einer Professur in Jena da wäre. …

Ich habe Sie nur fragen wollen, was Sie, der Unterrichtete, von der Sache denken und ob ich weitere Schritte tun, oder ob ich vielmehr in den sauern Apfel beißen soll und, nach manchem mit persönlicher Keckheit durchgeführten Streit, mich jetzt bittend an Johannes Müller wenden - und auf die ehemalige Freundschaft berufen soll? - Zu gelehrten Stellen freilich läßt man sich lieber rufen, aber soll einmal sollicitiert werden, so wende ich mich lieber an den Herzog, aus dessen Händen ich den günstigen wie den abschlägigen Bescheid mit gleicher Ehre und mit gleicher Empfindung der Verehrung empfangen kann.

Von Goethen, wie er auch über den Phöbus denken mag, habe ich persönlich keine Ungunst zu besorgen; meinen ehemaligen jugendlichen Ausfall auf sein Heidentum wird er mir ja wohl längst vergeben haben. …

Übrigens verstatten Sie mir gewiß noch die Bitte, daß meine ganze Absicht vorläufig, sowohl im günstigen als im ungünstigen Falle, unter uns, d. h. besonders Rühl und meinen hiesigen Freunden vorenthalten bleibe, die für Verrat an der Freundschaft halten möchten, wozu mich notwendige Rücksicht auf die Zukunft und auf die Umstände zwingt. Sie legen einen Wert auf mein Hiersein, der mich rührt und mir schmeichelt, aber auf die ernsteren Kalküls eines durch mancherlei Verpflichtungen gebundenen Lebens wohl keinen Einfluß haben darf. Dresden - das fühle ich nach mancherlei guten und schlimmen Erfahrungen - ist, wie ich auch an den Ort gebunden sein möge, wohl ein Element für solche, wie Böttiger, aber nicht für mich.

(Sembdners Quelle: Mühlher, Robert: Kleists und Adam Müllers Freundschaftskrise. Euphorion, 1950, S. 450-70)


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