Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 257)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Adam Müller an Friedrich Gentz. Dresden, 10.-14. März 1808

Sie können es durch alle Ihre Äußerungen über mein Journal Phöbus dennoch nicht dahin bringen, mich über Ihr Urteil gleichgültig zu machen, und so muß ich mich denn wieder schriftlich über diesen Gegenstand erklären. Ich nehme nur auf dasjenige Rücksicht, was Sie unserem gemeinschaftlichen deutschen Freunde geschrieben haben. Über die vermeinte Formlosigkeit meiner Vorlesungen habe ich mich zu rechtfertigen nicht Lust. …

Indes muß ich Ihnen zu Ihrem Ruhme nachsagen, daß Ihre Urteile dem Urteile der Stadt Dresden, exklusive unserer Freunde und einzelner in meinem Sinne Gutgesinnter, ähnlich sehen, wie aus den Augen geschnitten. Und dieser Ihr Ruhm kränkt mich, da ich Sie selbst, und nicht einen Stellvertreter der sehr unöffentlichen öffentlichen Meinung sehen möchte.

Nun wollte ich über die vortreffliche Marquise von O. reden, die Sie mit demselben Rechte wie etwa eine Erzählung aus dem Dekamerone des Boccaz von einem Kunstjournale ausgeschlossen wissen wollen. Gegen Kleists Absicht und auf meinen dringenden Wunsch ist sie indes eingeschlossen worden. Diese in Kunst, Art und Stil gleich herrliche Novelle kann nicht so flüchtig abgefertigt werden, als meine Arbeiten. …

Flach finden Sie diese Marquise von O.? und ich könnte lange nach Worten suchen, um dieses ganz unbegreifliche, an viel weniger vortrefflichen Lesern noch unbegreifliche Urteil zu bezeichnen. Womit hat der Phöbus solche arge Mißhandlungen gerade von Ihnen verdient? Denn Kleisten kann es wohl nicht weiter affizieren, da Stil und Leben dieses Dichters, und sein unerbittlicher Mut, und seine vielleicht noch allzuschroffe Erhabenheit keinem Blinden noch Geblendeten verborgen bleiben können. Finden Sie vielleicht auch Reminiszenzen von Iffland in dieser Novelle, wie es einigen Dresdener Beurteilern begegnet ist? - Also vermöchte die moralische Hoheit dieser Geschichte nichts über Sie, der Sie doch auch das Leben von keiner flachen Seite kennen gelernt, und durch die Apostasie vom Buchstaben der Moral hindurchgedrungen sind zur Erkenntnis der himmlischen Mächte, welche nur durch ein gewaltiges, vom Vaterhause forttreibendes Schicksal, oder durch Schuld und Verbrechen entbunden werden? - Und Sie, leichtbeweglicher Freund, hätten der Tränen nicht nur sich enthalten, sondern wären überhaupt kalt geblieben da, wo die Marquisin sich mit den Kindern in den Wagen wirft? - Aber nicht bloß wegen moralischer, noch so erhabener Richtung dieser Geschichte, nicht bloß wegen Herzensergreifung und königlicher (im Gegensatz der gemeinen natürlichen und pöbelhaften) Wahrheit - sondern wegen der unvergleichlichen Kunst in der Darstellung habe ich darauf gedrungen, daß schon das zweite Heft damit geschmückt, und meine kleinen Arbeiten durch seine Gesellschaft erhoben werden sollen. Kleine Arbeiten, denn mein Gemüt ist Großem, und auch den künftigen viel größeren Arbeiten Kleists gewachsen, aber sagen kann ich es nicht. An Mut der Gedanken und an Umsicht des Geistes weiche ich nicht, aber an Mut der Stimme und der Worte, an Resignation des Lebens und bildender Kraft erkenne ich ihn für meinen Meister.

Überrascht werden Sie nicht in dieser Novelle: auf der zweiten und dritten Seite wissen Sie das irdische Geheimnis, damit im Verfolg die klare Betrachtung der Entschleierung des göttlichen Geheimnisses nirgends gestört werde. Im gewöhnlichen Leben schürzen und lösen sich die Knoten der Schicksale von einem Tage zum andern, und in leisem Wechsel von Verwicklung und Entwicklung wird die leidende Seele groß und gut. Der gemeine Romandichter knäuelt und ballt die Schicksale in einen einzigen derben Knoten zusammen, den er nachher platzen läßt oder zerhaut. Kleist läßt die Heldin in einen solch großen Knoten verwickelt werden, und sie ihn selbst mit natürlicher, herzlicher Kraft wieder auflösen; aber den Leser führt er, sanft wie ein recht schönes Leben, aus leiser Spannung in leise Befriedigung, und so fort: es geschieht ohne alle einzwängende Qual, und wenn die Seele am Schlusse eines gemeinen Romans mit einem Glückseklat, mit einer brillanten Schlußdekoration belohnt wird, aus der sie immer wieder schmerzlich in das stille Helldunkel des gewöhnlichen Lebens und in den ruhigen Takt desselben zurückfallen muß, so bleibt hier für die ganze Dauer des Herzens, welches sie empfindet, eine harmonische und jeder anderweitigen Empfindung angemessene, freundschaftliche Schwingung zurück.

Das ist eines von vielem, welches ich Ihnen über diesen herrlichen Gegenstand zu sagen habe. - Was die Zeitgenossen darüber denken, ist gleichgültig! Alles recht Göttliche muß wohl dreißig und mehrere Jahre in irdischer Umgebung so forttreiben, ehe es auch nur vom zweiten erkannt wird; dies lehrt die Weltgeschichte, die Bibel, und wird auch das Schicksal der Werke lehren, welche der Phöbus verbreitet. Vielleicht sind sie etwas zu frühzeitig, und das wäre ihr einziger, schöner Vorwurf; aber auch dieser hält nicht Stich, weil sich unter unsern Freunden schon der zweite, der dritte, der vierte ihnen mit Bewunderung angeschlossen hat.

(Sembdners Quelle: Briefwechsel zwischen Friedrich Gentz und Adam Heinrich Müller. Stuttgart 1857, S. 131 ff.)


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