Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 235a)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


[Böttiger.] Der Freimüthige, 4. und 5. März 1808

Wir hofften, daß der Nebel, welcher oft dem Aufgange der Sonne vorherzugehn pflegt, beim Zweiten Stücke des Phöbus, das nun auch vor uns liegt, schwinden werde; aber leider! scheint er sich immer mehr zu verdichten, und gießt schon Wasser, und verbreitet unangenehme Dünste über die Erde. Diese meteorologische Bemerkung gilt namentlich wieder dem Verfasser der Penthesilea, der uns hier auf 4 Bogen - 6 hat das ganze Heft nur - mit einer Erzählung zu unterhalten versucht, von der wir abermals nicht begreifen, wie es der geschmackvolle Mitherausgeber wagen konnte, sie dem Publikum zu übergeben. … Nur die Fabel derselben angeben, heißt schon, sie aus den gesitteten Zirkeln verbannen. Die Marquise ist schwanger geworden, und weiß nicht wie, und von wem. Ist dies ein Süjet, das in einem Journale für die Kunst eine Stelle verdient? Und welche Details erfordert es, die keuschen Ohren durchaus widrig klingen müssen. Doch da der Verfasser der als hohes Muster aufgestellten Amazonenkönigin und ihres Gefolges für das Schamerröten der weiblichen Unschuld die hohe Ehrfurcht nicht zu haben scheint, die wir dafür hegen, so wollten wir mit ihm deshalb nicht rechten, wenn jene Erzählung nur an und für sich unterhaltend, oder in einem vorzüglichen Style geschrieben wäre. Beides vermissen wir jedoch ganz. Schon nach den ersten Seiten errät man den Schluß des Ganzen, und die Menschen darin benehmen sich alle so inkonsequent, albern, selbst moralisch unmoralisch, daß für keinen Charakter irgendein Interesse gewonnen werden kann. Wir sind überhaupt Feind aller Auszüge der Pläne aus Schauspielen oder Erzählungen, und wollen also auch hier kein Skelett dieses Werkchens aufstellen; aber wir berufen uns in dieser Hinsicht kühn auf alle unparteiische Leser. Was jedoch den Styl betrifft, so ist dieser zu undeutsch, steif, verschroben, und wieder zu gemein, um nicht unwillig darüber einige Proben zu geben. Welcher Teutsche sagt, wie hier: »auf Knieen jemand bitten - herabschluchzen - ob ihm die heftige Erschütterung, in welche sie ihn versetzt hatte, gefährlich sein könne - abschlüpfen - Doch diese: denn nicht nur, fuhr sie fort - darauf er: sein Gewissen, spricht er, lasse - den Sinn eines Papiers wiederkäuen usw. Der erzählende Ton ist besonders schön. So kommt Seite 8 die Wendung: »er sagt daß er« usw. in einem Punkte 13mal und überhaupt auf einer Seite diese Konstruktion mit daß 30mal, richtig gezählt, vor.- Doch genug; nur noch ein paar vortreffliche Stellen: »er beugte sich ganz krumm, und heulte, daß die Wände erschallten; - er gebärdete sich ganz konvulsivisch.« Das Benehmen der Mutter an dieser Stelle ist besonders zart. - Zum Schlusse jedoch noch Seite 28 die Art, wie die Mutter dann, als sie zurückkehrt, den versöhnten Vater bei der Tochter findet. …

Darf so etwas in einer Zeitschrift vorkommen, die sich Goethes besondern Schutzes, ankündigungsgemäß, zu erfreuen hat, so muß entweder der Herausgeber mit uns scherzen wollen, oder dieser - oder Goethe - Brechen wir ab.

(Der Beschluß folgt.)

Die beiden Tauben, eine Fabel, nach Lafontaine, von Kleist, in Jamben, ist unbedeutend; der Jambus ist größtenteils rein und fließend. …

Ungern haben wir bemerkt, daß abermals alles zu diesem Hefte nur von den Herausgebern selbst beigetragen ist. Sollten sie sich nicht bemühen, durch Beiträge andrer Mitarbeiter mehr Mannigfaltigkeit zu verschaffen, da überhaupt Kunstansichten außerdem gar zu leicht einseitig werden, und bei nie wechselnden Individuen werden müssen? Mit Vergnügen werden wir jeden lichten Strahl, den Phöbus versendet, bemerken; aber den Staub, den die Hufe seiner Rosse herabschleudern, für göttlichen Ursprungs zu halten, kann uns niemand zumuten.

- och –

(Sembdners Quelle: Der Freimüthige, oder Berlinisches Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser. 1808)


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