Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 159)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Carl von Gauvain an Minister von Angern. Wustermark, 31. Januar 1807

Mein trauriges Schicksal, welches mit gleicher Unschuld der Herr v. Ehrenberg und v. Kleist theilen, ist Euer Excellens bereits bekannt. Noch immer wissen wir keinen Grund, keinen Anschein des Verdachtes, der eine Maßregel dieser Art auch nur auf das entfernteste begründen könnte.

Daher würde ich im Vertrauen auf Euer Excellens mit der Überzeugung, daß Dieselben alles zur Rettung mögliche anwenden werden, kein Wort weiter sagen, wenn ich nicht durch die empörenste Behandlung dazu gezwungen würde. Jeder hier bis jetzt gefänglich durchgeführte Offizier der Preußischen oder Russischen Armee erhielt einen anständigen Ort zum Gefängniß, erhielt Quartier, wir aber, wie die Herren Gensdarms versichern, müssen uns auf Order, die uns schriftlich begleitet, gefallen lassen, im gemeinen Gefängniß, das wie das jetzige zum Beispiel, voll Ungeziefer ist, gebracht zu werden.

Ist nicht volle Gerechtigkeit für uns zu erlangen, so waren und sind unsere Wünsche dahin beschränkt, bald möglich zu erfahren, welcher Verdacht uns trifft, und ob die durch unsere Briefe auseinandergesetzte Unschuld unserer Sache unser Schicksal wenigstens nicht dahin mildern kann, daß wir auf unser Ehrenwort entlassen oder aber wie jeder andere Offizier transportiert werden, denen alsdann oft auch die Begünstigung wird, une feuille de Route zu erhalten. Mit ungeschwächter Hochachtung wird kein Verhängniß, keine Zeit so wenig als diese die Dankbarkeitsempfindung schwächen, mit der ich bin Euer Excellens aller untertähnigster Diener v. Gauvain.

P.S. Jetzt eben erst sah ich das Gefängnis, welches uns für die Nacht unter der Erde dunstig mit ungesunder Luft ohne Luftlöcher, und zwar alles dies durch eine Order angewiesen wird, die uns begleitet und eine schreckliche Zeit mir mit schwachem Körper den Tod drohet.

[Note von Angern: Gegenwärtiges Schreiben, welches dem Herrn General-Gouverneur Clarke zugestellt worden, ist dato mit dem anliegenden Couvert mit einem Post-Siegel versehen, zurückgekommen.
Berlin, 21. April 1807. Angern]

(Sembdners Quelle: Rahmer, Sigismund, H. v. Kleist als Mensch und Dichter. Nach neuen Quellenforschungen. Berlin 1909, S. 100f.)


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