Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 114a)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Adolphine von Werdeck. Reisetagebuch 1803

Bern, 7. Aug. Bei Tische machte ich die Bekanntschaft des Buchhändlers Geßner, eines Sohnes des Idyllendichters. Er sagte uns, daß Pfuel und Kleist lange auf uns in Bern gewartet und sich nun nach Thun begeben hätten, um von dort aus mit uns weiter zu reisen. Diese Nachricht freute mich sehr, auch machte mir die Bekanntschaft des Herrn Geßner Vergnügen.

Thun, 8. Aug. Daß wir den guten Pfuel und Kleist nicht mehr fanden, war uns sehr unangenehm. Sie waren den Morgen abgereist.

11. August. Um 8 Uhr waren wir in Meyringen, dem Hauptflecken des Berner Haßleland. Im Wirtshause angelangt, schien die Wirtin zu wünschen, daß wir in Gesellschaft dreier erst eingetroffener Fremden zu Nacht speisen möchten. Wir gewährten ihr diese Bitte und stiegen zu dem uns angewiesnen Zimmer hinauf. Es ward im Nebenzimmer laut gesprochen. »Das ist Pfuels Stimme«, sagte W[erdeck] - ich zweifelte. W[erdeck] rief: »Pfuel?« »Ja«, antwortete er aus dem andern Zimmer. Freudig stürzten wir auf die Tür, freudig wurden wir von der befreundeten Nachbarschaft, von Pfuel und Heinrich Kleist, empfangen. Ein Zufall hatte sie von der Grindel ins Haßli geführt. Pfuels unerschöpflicher Witz stimmte uns alle zum Frohsinn, selbst Kleist war weniger als sonst mit sich selbst beschäftigt. Bei Tische aß noch der dritte Reisende, ein junger Franzose, mit uns, der in die vallée d'ascelli gekommen war, um den Rykenback zu malen. Er war recht hübsch und artig, hatte eine elegante tournure und sah très comme il faut aus. Es war mir deshalb unangenehm, daß meine Reisegefährten immer deutsch sprachen, laut lachten und von dem Fremden gar keine Notiz nahmen.

12. August. Das Frühstück ward lachend eingenommen, denn Pfuel erzählte manche komische Reisegeschichte. Alsdann traten wir unsre Wanderung zu dem Reichenbache an. Der Pfad zieht sich zuerst durch das von der Aar mäandrisch gekrümmte Tal, in welchem man die Ruinen des Schlosses Rösteln liegen sieht, dann erhebt er sich nach Schwändi hinauf, um den Wogensturz näher zu kommen. Der Reichenbach hat 3 Fälle, jeder von ihnen ist schön, doch am grandiosesten der unterste Fall. Die Sonne begünstigte uns so huldreich, daß wir nirgends einen schönern Regenbogen sahen. Überhaupt ist, nach meinem Geschmack, keiner der aus Bächen gebildeten Wasserfällen in der Schweiz so schön als der Wasserfall des Reichenbaches.

Auf dem Heimwege begaben wir uns in eine Bauernwohnung, wo Bäder eingerichtet sind. Nach dem Bade labten wir uns vor der Haustüre mit den vortrefflichsten Niedeln [Milchrahmgericht] und lachend, äußerst vergnügt, kehrten wir nach Meyringen zurück.

Der Franzose schien nicht viel Unterhaltung in der Gesellschaft de nous autres barbares du Nord gefunden zu haben, denn er aß nicht am Mittage mit uns und beglückte uns am Abend erst mit seiner Gegenwart. Den Nachmittag besuchten wir den Alpbach, dessen Sturz auch malerisch schön ist. Beim Nachtessen sangen die Mädeli den Kühreigen, der im beengenden Zimmer nicht sehr lieblich klang.

13. August. Der unschlüssige Kleist hatte zehnmal uns versichert, er würde uns nach Schwyz begleiten, und zehnmal wieder gesagt, es ginge nicht an - endlich beschloß er, nach Thun zurückzukehren, um sein Peststück (ein Trauerspiel, das dünkt mich »die Numantia« heißen sollte) zu vollenden. Wir trennten uns denn also von ihm und dem liebenswürdigen Pfuel, der immer heiter, immer interessant, nie so launig als Heinrich Kleist erschien.

(Sembdners Quelle: Röhl, Hans: Aus dem Reisetagebuch der Freifrau Adolphine v. Werdeck im Sommer 1803. Jahrb. d. Kleistges. 1938, S. 90-93)

[Anmerkung Sembdner: »Aus dem später verlorengegangenen zweiten Teil des Tagebuches ging hervor, daß Werdecks am 21. August mit Kleist und Pfuel im Gasthaus von Bellinzona wieder zusammentrafen und sich am 29. August ›unter den Rebengeländen des Dörfchens Crevola‹ trennten, von wo Kleist und Pfuel nach Thun zurückkehrten. Als Werdecks am 14. Oktober nach einem Besuch des Louvre in ihr Pariser Hotel gingen, wurden sie dort ›sehr angenehm durch die Ankunft des Herrn von Pfuel und Heinrich Kleists überrascht‹ und aßen mit ihnen im ›Rocher de Cancale‹. Am 19. Oktober waren Werdecks zusammen mit Kotzebue beim Marquis Lucchesini eingeladen; es ist anzunehmen, daß auch Kleist und Pfuel dabei waren.«]


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