Brief 1810-03-19

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Berlin, 19. März 1810

Absender: Heinrich von Kleist

Adressat: Ulrike von Kleist


Frl. Ulrike von Kleist zu Schorin.
Berlin, 19. März 1810
Mauerstraße Nr. 53

Meine teuerste Ulrike,

Denkst Du nicht daran, in einiger Zeit wieder, in diese Gegend zurückzukehren? Und wenn Du es tust: könntest Du Dich nicht entschließen, auf ein oder ein paar Monate, nach Berlin zu kommen, und mir, als ein reines Geschenk, Deine Gegenwart zu gönnen? Du müßtest es nicht begreifen, als ein Zusammenziehen mit mir, sondern als einen freien, unabhängigen Aufenthalt, zu Deinem Vergnügen; Gleißenberg, der, zu Anfang Aprils, auf drei Monate nach Gulben geht, bietet Dir dazu seine Wohnung an. Du würdest täglich in Altensteins Hause sein können, dem die Schwester die Wirtschaft führt, und der seine Mutter bei sich hat; würdige und angenehme Damen, in deren Gesellschaft Du Dich sehr wohl befinden würdest. Sie sehen mich nicht, ohne mich zu fragen: was macht Ihre Schwester? Und warum kömmt sie nicht her? Meine Antwort an den Minister ist: es ist mir nicht so gut gegangen, als Ihnen; und ich kann sie nicht, wie Sie, in meinem Hause bei mir sehn. Auch in andre Häuser, als z. B. beim Geh. Staatsrat Staegemann, würde ich Dich einführen können, dessen Du Dich vielleicht, von Königsberg her, erinnerst. Ich habe der Königin, an ihrem Geburtstag, ein Gedicht überreicht, das sie, vor den Augen des ganzen Hofes, zu Tränen gerührt hat; ich kann ihrer Gnade, und ihres guten Willens, etwas für mich zu tun, gewiß sein. Jetzt wird ein Stück von mir, das aus der Brandenburgischen Geschichte genommen ist, auf dem Privattheater des Prinzen Radziwil gegeben, und soll nachher auf die Nationalbühne kommen, und, wenn es gedruckt ist, der Königin übergeben werden. Was sich aus allem diesen machen läßt, weiß ich noch nicht; ich glaube es ist eine Hofcharge; das aber weiß ich, daß Du mir von großem Nutzen sein könntest. Denn wie manches könntest Du, bei den Altensteinschen Damen, zur Sprache bringen, was mir, dem Minister zu sagen, schwer, ja unmöglich fällt. Doch ich verlange gar nicht, daß Du auf diese Hoffnungen etwas gibst; Du müßtest auf nichts, als das Vergnügen rechnen, einmal wieder mit mir, auf einige Monate, zusammen zu sein. Aber freilich müßte die Frage, ob Du überhaupt Pommern verlassen willst, erst abgemacht sein, ehe davon, ob Du nach Berlin kommen willst, die Rede sein kann. Wie glücklich wäre ich, wenn Du einen solchen Entschluß fassen könntest! Wie glücklich, wenn ich Deine Hand küssen, und Dir über tausend Dinge Rechenschaft geben könnte, über die ich jetzt Dich bitten muß, zu schweigen. Adieu, grüße Fritzen und Stojentin, und antworte bald Deinem
H. v. Kl.


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