Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 99a)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


(Heinrich Blümner?) Neue Leipziger Literaturzeitung, 23. Dezember 1803

Dieses Stück, dessen Manier auf keinen schon bekannten Schriftsteller schließen läßt, verdient eine genauere Betrachtung, je mehr es von der größern Reife seines Verfs. zu erwarten berechtigt.

Der Stoff selbst ist nicht neu. Zwei verwandte Familien leben miteinander im Haß. Beide glauben wechselseitig schwer beleidigt zu sein. Zufall, und scheinbar absichtliche Kränkungen führen zu immer schwerern Beleidigungen. Sie treiben ihre Rache bis zum Wechselmorde ihrer Kinder, welche die Liebe vereinigt, aber indem jeder Vater des andern Kind zu töten glaubt, stößt er den Dolch in seines eignen Kindes Brust.

Der Verf. hat aus diesem Stoffe keine Tragödie machen wollen, worin das Schicksal alles auf sich nimmt. Vielmehr hat er die Motiven aus den Leidenschaften zu ziehen gesucht. Es fragt sich also, ob diese der menschlichen Natur gemäß, ob die Einwirkungen von außen wahrscheinlich sind, und sie, vereint mit der Individualität der Personen, diese dahin bringen müssen, wo wir sie am Schlusse erblicken …

Am meisten und vorzüglich sind die Hauptpersonen, die beiden Grafen, gelungen; der gutmütige Sylvester, in dessen reiner Seele kein Argwohn aufsteigt, der jede Anschuldigung Ruperts in sich und andern bekämpft, bis das Maß der Beleidigung überschwillt, und sein wilder jähzorniger, rachsüchtiger Gegner. Agnes und Ottokar, deren Liebe einen angenehmen und beruhigenden Kontrast mit dem Hasse gibt, und die ihre Familien mit ihrem reinen Leben versöhnen, sprechen sich mehr durch Gefühle als durch Handlungen aus. Die beiden Frauen sind Nebenpersonen; dem Jeronimo mangelt Individualität. Johann, der unechte Sohn Ruperts, wird durch unglückliche Liebe wahnsinnig. Man hat sich in der Tragödie des Wahnsinns wohl darum so häufig bedient, um auf kurzem Wege eine große Würkung zu erreichen, unbekümmert ob ihr eingeschränkter Umfang eine richtige psychologische Darstellung verstattet. Dies möchte auch hier die Frage sein. …

Die Gesinnungen sind meistens wahr und schön, nur ist der Verf. noch nicht über den Ausdruck und den Versbau Meister. Nur einige Beispiele: [V. 122-126; 143-146]

Manches mag auch vielleicht auf Rechnung des höchst fehlerhaften Drucks kommen. – Vortrefflich dagegen unter mehrern, ist der Ausdruck der Liebe, nachdem Agnes geglaubt, Ottokar habe sie vergiften wollen, und nun ihren Irrtum einsieht: [V. 1335-1338]

Voll echten Pathos und wahrer Charakteristik ist die oben gedachte Szene, worin Jeronimus als Vermittler zu Rupert kommt, und dieser über die Ermordung seines Herolds, und den Angriff auf Johann, geheime Rache brütet. [V. 1750-1784]

Auch die darauf folgende Szene, worin Ruperts Gemahlin mit der Nachricht einstürzt, das Volk sei über Jeronimus hergefallen, dann ans Fenster tritt, die Mißhandlungen ansieht und berichtet, bittet, fleht, – – und Rupert schweigend und unbeweglich dasteht, bis Jeronimus erschlagen ist, – diese Szene ist ein notwendiger Teil des Ganzen, und schon beim Lesen von ergreifender Würkung.

Wir wünschen, daß dieser Dichter auf seiner Laufbahn nicht stillstehen möge.

(Sembdners Quelle: Weiss, Hermann F.: Funde und Studien zu Heinrich von Kleist. Tübingen 1984, S. 63-66)


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