Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 98a)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


[L. F. Huber.] Der Freimüthige. Berlin, 4. März 1803

Erscheinung eines neuen Dichters

Eine gute Kunde hat der Freimüthige heute einem jeden zu geben, der die jetzigen Konjunkturen der deutschen Literatur beherzigt – die Erscheinung eines neuen Dichters hat er zu melden, eines unbekannten und ungenannten, aber wirklich eines Dichters!

Ich nahm die Familie Schroffenstein, ein Trauerspiel in fünf Aufzügen, mit allen den traurigen Erwartungen in die Hand, zu denen man bei einem Ritterschauspiel – als ein solches kündigt es das Verzeichnis der Personen gleich an – in der Regel berechtigt sein mag. Ich las einen Bogen, den zweiten, den dritten, ohne recht zu wissen, woran ich war. Hatten Shakespeare, Goethe, Schiller, hier wieder einmal Unheil angerichtet? war es eine unberufene Nachahmung, mit etwas eigener Verkehrtheit, und mit den Schellen der neuen ästhetischen Schule ausgestattet? – Nun, man muß doch sehen, dachte ich, und las weiter. Und siehe, es entfaltete sich, zu meinem immer steigenden Erstaunen, aus einer harten, ungleichen Sprache, aus unbestimmten, dunkeln Andeutungen, aus manchen Elementen zu einem grundschlechten Stück, eine stattliche poetische Welt vor mir, die mir die begeisterte Hoffuung zurückließ, daß endlich doch wieder ein rüstiger Kämpfer um den poetischen Lorbeer aufstehe, wie ihn unser Parnaß gerade jetzt so sehr braucht.

In dieser kurzen und treuen Erzählung ist das meiste begriffen, was an diesem Orte, und innerhalb der Grenzen dieses Blattes, von der Familie Schroffenstein gesagt werden kann. Zuverlässig wird kein Freund der Kunst unvorbereitet auf dieses merkwürdige Produkt stoßen, ohne die nämlichen Empfindungen zu erfahren, die ich eben beschrieben habe. Das Treuliche Goethens und Schillers hat wirklich dieses Genie genährt; ja, so wenig der seltsame Stoff, den der Verfasser hier gewählt hat, und die vielen Lücken der Bearbeitung, eine Vergleichung dieses Dramas mit den Meisterstücken jener Dichter zulassen, so ist es doch sehr die Frage, ob die Details in Goethens und Schillers dramatischen Werken von eben dem wahrhaft Shakespearischen Geiste zeugen, wie manche Details des Ausdrucks und der Darstellung in dieser Familie Schroffenstein. In den Liebesszenen besonders ist es nicht Nachahmung, sondern eigentümliche, naiv-erhabene Grazie, was an die erotischen Partien im Sturm und in Romeo und Julie erinnert. Der Gedanke der letzten Szene zwischen Ottokar und Agnes ist von einer genialischen Kühnheit, die das ganze Stück allerdings von der Bühne ausschließt, und die allen den Kunstrichtern, welche ein dreifaches, moralisch-kritisches Erz gegen den Zauber der Poesie waffnet, einen scharfen Tadel sehr leicht machen kann; aber welche Wärme, welche Zartheit in der Ausführung, welche tragische Poesie in der wollüstig-schauderhaften Situation!

Dieses Stück ist eine Wiege des Genies, über der ich mit Zuversicht der schönen Literatur unsers Vaterlandes einen sehr bedeutenden Zuwachs weissage. Der Verfasser mag vielleicht zu den außerordentlichen Geistern gehören, deren Entwickelung bis zu der Reife selten ohne einige Bizarrerien und Unarten abläuft. Doch eben, weil er zu diesen gehört, ist unmöglich zu besorgen, daß es der leidigen Sekte, die durch ihre Proselytenmacherei die Blüte unsrer Jugend zu vergiften droht, je gelingen werde, ihn an sich zu ziehen. Er muß, um seine Bestimmung zu erfüllen, einst etwas viel Besseres machen, als seine Familie Schroffenstein; unmöglich aber hätte er auch diese hervorbringen können, wenn ein gerechtes Selbstgefühl ihn nicht jetzt schon vor der Schule schützte, in welcher ein Alarcos [von Fr. Schlegel] ausgebrütet wurde.

Bei manchen Dunkelheiten der Manier des Dichters ist der höchst inkorrekte Druck doppelt unangenehm.

Da dieses Stück in keiner deutschen Buchhandlung[1] herausgekommen ist, so könnte es vielleicht erst spät, und überhaupt weniger, als zu wünschen wäre, in Cirkulation kommen; überdem hat die Erscheinung einen solchen Wert, daß der Freimüthige es nicht darauf wagen soll, ob das Publikum sie sich auf sein bloßes Wort empfohlen sein lasse. Es mögen also ein paar Proben den Kennern sein Urteil bewähren:

1.

»Freilich mag
Wohl mancher sinken, weil er stark ist. Denn
Die kranke abgestorbne Eiche steht
Dem Sturm, doch die gesunde stürzt er nieder,
Weil er in ihre Krone greifen kann.
– Nicht jeden Schlag ertragen soll der Mensch,
Und welchen Gott faßt, denk' ich, der darf sinken –
Auch seufzen! Denn der Gleichmut ist die Tugend
Nur der Athleten. Wir, wir Menschen fallen
Ja nicht für Geld, auch nicht zur Schau - doch sollen
Wir stets des Anschauns würdig aufstehn.« –

2.

[Abdruck von II, 1 bis »so ist er bezahlt, usw:«].

–b–

  1. Bern und Zürich, bei H. Geßner

(Sembdners Quelle: Der Freimüthige, oder Berlinisches Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser. 1803)


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