Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 94a)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Luise Wieland an ihre Schwester Charlotte Geßner (Weimar, 19. April 1811)

In dieser Zeit in meinen 14 Jahren, wo ich, weil wir auf dem Lande lebten [und] wenig oder beinah gar nichts für meine moralische Ausbildung getan werden konnte, also im ganzen vernachlässigt war; aber völlig physisch ausgebildet und vielleicht in meinen Äußeren einiges Interesse erregen konnte – wiewohl ich keineswegs schön genannt werden kann, wie Du zu glauben scheinst. In dieser für mich, ich glaube für alle jungen Mädchen, gefahrvollen Zeit, kam Bruder Ludwig wieder zu uns, und mit ihm sein Freund Heinrich von Kleist, den Du auch persönlich kennst. Eine Beschreibung von diesen eignen Sterblichen brauche ich Dir daher nicht zu machen. Dieser Freund eines Bruders, den ich liebte, machte von den Augenblick an, wo ich ihn sah, einen Eindruck auf das Herz Deiner ganz unerfahrenen Schwester, der noch jetzt nach 8 Jahren nicht ganz verwischt ist. Es ist schwer, alle die anscheinenden Kleinigkeiten zu beschreiben, die aber alle von so großen Einfluß waren, daß er durch die Umstände begünstiget mir glauben machte, ich sei wiedergeliebt – und ich war zu schwach, an ihr zu zweifelen. Ludwig war ernstlich aufgebracht gegen K[leist] und es hat, wie ichs erst später erfuhr, manchen unangenehmen Wortwechsel zwischen ihnen gegeben. Schwester Amalie haßte ihn von ganzer Seele, und dieser Haß war allein hinreichend, mich von ihr zu entfernen; Caroline war selbst zu sehr von ihm eingenommen, um mich zu beobachten; im ganzen war das Benehmen aller drei gegen mich unverzeihlich. Ich hatte Verstand genug, die unglücklichen Folgen dieser Leidenschaft zu begreifen, wenn sie mir mit Verstand und Teilnahme wären vorgestellt worden, was aber nicht geschah. – Vater wußte anfangs nicht von ihr – wie er sie aber erfuhr, hatte sich K[leist] schon auf mein und der Caroline Wunsch entschlossen, uns zu verlassen. Er reiste auch würklich ab – und ich blieb zurück! Mein Gemütszustand mußte notwendig auch auf meinen Körper einigen Einfluß haben, da ich ohnehin schwächlich war. Jetzt erscheint mir K[leists] Betragen gegen mich freilich in einen hellem [klareren] Lichte; doch wünschte ich nicht, daß Du schlimm von ihm dächtest. – Wenn er auch nicht zu den ganz edlen Menschen gehört, die ja ohnehin eine Ausnahme machen, so ist sein Charakter doch gut, und er würde sich dieses Leichtsinns gegen mich nicht schuldig gemacht haben, wenn er weniger adeliges Blut (oder vielmehr unadeliges) in seinen Adern hätte – [LS 127]. Hier hast Du, meine Charlotte, die kleine Geschichte meiner frühen Liebe, die meinen Charakter einen noch ernsthafteren Anstrich gegeben hat, als er wahrscheinlich sonst erhalten hätte, weil ich von Natur sehr heiterer Gemütsart bin, die auch zuletzt den Sieg über sie getragen; und was das Beste ist, vor vielen Jugendtorheiten bewahrt hat. [LS 389b] Habe die Güte, wenn Du mir über diese Eröffnung Deine Gedanken und Gefühle schreibst, sie allein auf ein Papier zu sagen. Dieser Gegenstand ist bei uns schon so verjährt, als daß ich wünschen könnte, ihm beim Vater und besonders bei den übrigen in Erneuerung zu bringen. –

(Sembdners Quelle: Seuffert, Bernhard: Kleist und Luise Wieland. Die Grenzboten, 1911 IV, S. 308-15)


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