Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 573a)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Carl Schmitt, Ex Captivitale Salus (Köln 1950)

Ich war im Herbst 1935 mit dem Dichter Konrad Weiß und zwei westfälischen Freunden in Wannsee am Grabe Kleists … Im Oktober 1944 besuchte ich das Grab zusammen mit meiner Tochter Anima. Der alte, bescheidene Grabstein, der schon eine gewisse Tradition hatte, war beseitigt worden und durch einen modernen einfachen Stein ersetzt. Die alte spruchhafte Inschrift hatte einem Vers aus dem Prinzen von Homburg weichen müssen:

Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein!,

was an diesem Platz allzu anspruchsvoll klang … Inzwischen haben mich die eigenen Erfahrungen getrieben, weiter nachzudenken und auszusprechen, was mir deutlich geworden ist.

Kleists Grab ist das Grab eines Selbstmörders. Er hat sich, planmäßig und mit Überlegung, selbst mit eigener Hand getötet. Keine idealistische Rhetorik kann das verblümen oder zerreden. Auf dem alten Grabstein stand der Vers:

Er suchte hier den Tod
und fand Unsterblichkeit.

War es wirklich der Tod, den er gesucht hat? Die Todeslust ist nicht der Tod. Und will jemand wissen, was er wirklich gefunden hat? Ich denke heute mit Schrecken daran, daß dieser Selbstmord, der im November 1811 begangen wurde, schon ein Vorbote der Selbstmorde gewesen sein könnte, die im Frühjahr 1945 gerade in diesem Teil Berlins und gerade in einer bestimmten sozialen Schicht verübt worden sind …

(Sembdners Quelle: Schmitt, Carl: Ex Captivitate Salus. Erfahrungen der Zeit 1945/47. Köln 1950, S. 40-42)


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