Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 566a)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Volkszeitung. Berlin, 4. August 1892

Heinrich v. Kleists Grabstätte gibt in jedem Jahre pietätvollen Freunden seiner Muse zu Klagen Anlaß. Auch heute erhalten wir von einem unserer Leser, der jüngst Wannsee besucht hat, wieder die Mitteilung, daß der Weg, welcher vom Bahnhof zum Grabe des Dichters führt, ohne Führer nicht aufzufinden sei, und daß er teils aus Koksschlacken, teils aus tiefem Sande bestehe. Über die Grabstätte selbst schreibt der Einsender: »Einzig und allein ihre Einfriedung ist in gehörigem Stande, der Grabhügel dagegen zum großen Teile eingesunken und völlig ungepflegt - längst verwitterte Reste von Kränzen liegen darauf. Von einigen angepflanzten kleinen Tannen ist die eine im letzten, vielleicht auch schon in einem früheren Winter erfroren und streckt ihre dürftigen Reiser in die Luft. An die Gefährtin des Dichters auf seinem Todesgange erinnert nicht das mindeste Zeichen - kurz, die ganze Stätte bietet das Bild trostlosester Verkommenheit. Versunken und vergessen! Meines Wissens gehört der Grund und Boden der Grabstätte zum Gute Dreilinden, und es wäre wohl nicht mehr als billig, als daß die prinzliche Gutsverwaltung die Verpflichtung übernähme, das Grab des Dichters des ›Prinzen von Homburg‹ in Ehren zu halten. Anderenfalls meine ich, daß es für die zu den allerreichsten Leuten Berlins gehörenden Besitzer der Villen und Schlösser von Wannsee - daß es für die Direktoren der deutschen Theater, denen die Kleistschen Stücke große Einnahmen gebracht haben, ein Leichtes sein müßte, ein Kapital aufzubringen, um zunächst das Grab würdig in Stand zu setzen, es vielleicht mit einem Bilde des Dichters zu schmücken und einen Weg dahin zu bahnen. Der Zinsertrag des Restes müßte dazu bestimmt werden, Grabstätte und Weg dauernd in Ordnung zu halten und zu pflegen.«

(Sembdners Quelle: Volkszeitung, Berlin 1892)


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