Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 544)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Entwurf. Vossische Zeitung (blieb ungedruckt)

Pflichtwort über die öffentlichen Anzeigen der neulichen Selbstentleibung

Was kann romanhafter sein, als der Roman der Wirklichkeit, wie er jetzt gespielt wird, und wie menschliche Verwirrung ihn ausgebiert.

Solange gesunder Sinn und christliche Sitte auf europäischen Boden war, ist es wohl noch nicht gehört worden, daß dem Selbstmorde so laut und öffentlich das Wort geredet wurde, als in jenen Anzeigen einer doppelten Selbstentleibung, in welcher, seltsam genug! Mord und Selbstmord zusammen kommen. Bedauert hat wohl jederzeit der Mensch und Christ solche unglücklich Verirrte, die nicht Lebensfassung genug hatten, dem melancholischen Todestriebe zu widerstehn und darum die verzweifelte Hand gegen sich selbst führten; aber öffentlich gerechtfertigt und dem gesamten großen Publikum des In- und Auslandes, wohin diese Blätter reichen, zur feierlichen Schau, ja! gleichsam zum Muster gestellt, hat sie, soweit Kunde reicht, noch niemand. Sie sind unter Blumen und Lobgeräusch gefallen, und Blumen und Lobgeräusch warten ihrer noch in der öden Stille des einsamen Sandes, wohin sie irrend ihre Gebeine streckten. Wenn daher die arme Verblichene schwärmerisch in ihrem Scheide-Briefe sagt: ich sterbe einen Tod, wie sich wenige erfreuen können, gestorben zu sein, so kann sich das nur auf das einzigseltene Grabgetön beziehn, welches ihr bis über die fernesten Grenzen, vermittelst eines öffentlichen weitgelesenen Blattes nachhallt; denn der Roman selbst ist, da er, wie alles zeigt, aus der gewöhnlichen Romanwelt gegriffen wurde, trotz aller zu erwartenden Verlieblichung hundertmal, wenn auch in andern Gestalten, da gewesen, und kann morgen wiederkommen, wenn solcher Leichen- und Lobgesänge unglücklicher Selbstentleibung mehrere kommen, und in versprochenen Werken recht poetisch ausgeführt werden sollten. - Man verschone daher mit diesem ausgemalten Bilde verirrter Phantasie die ohnedem genug geirrte Welt - Man lasse solche Unglückliche ruhen, und verfolge nicht Blumen streuend ihren Unglückspfad. Man decke nicht auf, was man decken soll. Man kümmere sich, wenn man ihnen zugehört, über ihren Fehlschritt in der Stille, oder tröste sich darüber so gut man kann, und sei zufrieden mit der Stimmung des Zeitalters, die den unglücklichen Sand dieser Armen nicht aufwirft, um ihrer Gebeine oder ihrer Familien zu spotten, indem jedermann sich vor den Gefühlen seiner eignen Brust genug zu fürchten hat. Man übergebe sie der öden Stille, die sie suchten, und ihren bleibenden Teil der Hand dessen, dessen Ruf sie abzuwarten nicht stark genug waren. - Man rechtfertige endlich den gerechten Trieb des Verfassers von Gegenwärtigem, der das Wort dieser kurzen und treugemeinten Wahrheitsrüge, dem nahen und fernen Publikum, das jene Aufsätze las, ja der Gesetzlichkeit des Landes, in dem er lebt, schuldig zu sein glaubt. W.

[Aktennotiz des Staatsrats Gruner: ad acta, da die Betrachtung zu spät ist.]

(Sembdners Quelle: Steig, Reinhold: Neue Kunde zu H. v. Kleist. Berlin: Reimer 1902, S. 14)


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