Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 534)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Visum repertum des Kreisphysikus Dr. Sternemann und des Chirurgus forensis Greif (11. Dezember 1811)

No. 1, betreffend den denatus von Kleist

… Beide getödtete Körper wurden nun behutsam nach einem kleinen zerfallenen Bauernhause den Gastwirth Stimming zugehörig grade über den Gasthof hingebracht, um die Obductionen und Besichtigung nach vorhergegangener recognition vorzunehmen.

Diese Obduction begann nun mit der männlichen Leiche, welche man zuerst gebracht hatte, des Nachmittags um 5 Uhr bei einigen kleinen Lichtern in der Kammer des genannten Hauses. Denatus wurde sogleich ganz entkleidet, und zuvor genau besichtigt, wobey sich folgendes ergab.

ad A. Das Gesicht desselben war, wie wir schon oben angezeiget haben, um den Mund herum nicht nur mit Bluth bedeckt, sondern es floß auch bei einige Bewegung des Kopfes Bluth aus dem Munde.

ad B. Der Mund war fest geschlossen, beide Reihen guter Zähne waren unverletzt, auch die Zunge, nur mit der größten Gewalt eines eisernen Hebels konnte die Kinnbacke von einander gebracht werden, um den Schlund untersuchen zu können, in welchen wir nichts vom Schusse weiter gewahr wurden, aber am hintersten Theile des Veli palatini hinter der Uvula, konnte man mit dem Finger eine kleine Knochen-Rauhigkeit und Vertiefung fühlen, in welchen (wie wir nachher ausführlicher anzeigen wollen) das 3/4 Loth schwere Stückchen Bley eingedrungen ist.

ad C. Denatus hatte schwarzes Haar, blaue Augen, und eine Grösse von [5 Fuß und] 6 Zoll, nach unser Dafürhalten 40 Jahr alt, am ganzen Körper war nicht die geringste Verletzung wahrzunehmen, auf den Rücken und Lenden fanden wir häufige braunrothe Flecke, welche am stärksten bey Erstikten und am Schlage Verstorbenen bemerket werden.

Nach dieser genauen vorangegangenen Besichtigung eröfneten wir

ad I, die Brusthöhle, sie war geräumig, daß die Lunge sich ganz ungehindert darin ausdehnen konte, wir sahen

ad a, die pleura im gesunden Zustande

ad b, der rechte Lungenflügel war gewaltsam vom Bluth ausgedehnt, ja wir fanden auf der Oberfläche desselben würklich extravasirtes Bluth, auch floß beim Zerschneiden nicht nur viel Bluth heraus, sondern auch die darin eingesperte Luft ging mit Geräusch aus derselben, der linke Lungenflügel hingegen war fast von natürlicher Größe, nur etwas am unterm Rande entzündet. Beide Lungen lagen in der geräumigen Brust ganz frey, und bedeckten fast ganz das Herz mit seinem Pericardio.

ad c. Das Herz von natürlicher Größe, hatte die gewöhnliche Lage, und im Herzbeutel war auch die gehörige quantitaet Liquor Pericardii.

ad d. Die Auricula cordis dextra war vom Bluth aufgetrieben.

ad e. Im Ventriculo dextro cordis fand sich coagulirtes Bluth, der linke hingegen war leer.

ad f. Die Vasa coronaria cordis, und das Diaphragma waren im Normal-Zustande.

ad II. Bey Eröffnung der Bauchhöhle, sahen wir das Peritonacum, die beiden Omenta des Pancreas, den ganzen Tractum intestinorum, die Milz und die Nieren im Normalzustande.

Die Leber war widernatürlich groß, der Lobus minor ging über den Magen herüber, die Substanz derselben war widernatürlich fest, und ließ sich nur mit Mühe zerschneiden, wobey viel schwarzes dickes Bluth herausfloß.

Vorzüglich groß war auch die Gallenblase, sie enthielt viel verdikte Galle.

Der Magen wurde exentrirt, genau besichtiget, beim Aufschneiden desselben fanden wir einige Eßlöffel eines Chimusartigen Breyes, aber nichts von harten Speisen, die äussere und innere Fläche, wie auch die zottige Haut deßelben sahen wir im Normalzustande.

Die aufgeschnittene Urinblase war leer von allen Urin, auch keine Steine waren darin enthalten.

ad III. Nach abgesägter Calea capitis sahen wir den ganzen Hirnschädel, aus- und inwendig unverletzt.

Die dura mater, welche äusserst fest an der einen Fläche des Crani gesessen hatte, wie auch der Sinus falciformis waren im natürlichen Zustande. Das Gehirn aber, war gleichsam wie mit Bluth beschweret, und das ganze Gehirn hatte das Ansehen, als wenn es mit Bluth inyiciert wäre, auch auf dem Corpore Calloso lagen blutige Streifen, der Plexus Choroideus, war wie bey Erstikten mit Bluth ausgedehnt. Was die Substanz des Gehirns anbetrift, so fanden wir solche viel fester wie gewöhnlich, doch ohne Verhärtungen, beim Zerschneiden des Gehirns, welches nur Schichtweise geschah, fanden wir am globo dextro des Gehirns ohngefähr 4 Linien tief in der Substantia medulari, ein unförmliches S t ü c k c h e n Bley 3/4 Loth an Gewicht; die Substanz des Gehirns war in dieser Gegend zerstöhrt, und einige kleine Gefässe zerrissen; die beiden Ventriculi laterales und der Ventriculus tertius und quartus waren ganz natürlich.

Auch am Cerebello und im basi cranii fand sich nichts widernatürliches.

Aus der mit Vorsicht angestellten Obduction und Besichtigung als auch aus denen eruirten Nebenumständen ergiebt sich ganz evident:

daß der Denatus von Kleist die geladene Pistole im Munde angesetzt, und sich selbst damit getödtet habe, von der zu schwachen Ladung ist das 3/4 Loth wiegende Stückchen Bley im Gehirn stecken geblieben.

Daß Gehirn-Verletzungen solcher Art, an und für sich absolute lethal sind, beweiset schon Ludwig in seinen institutionibus medicinal., wie auch Metzger und Büttner, daß aber Denatus von Kleist größtentheils durch Erstickung des Schießpulvers sehr schnell gestorben ist, ergiebt sich aus dem ad I. Litt. B angezeigten Zustand des rechten Lungenflügels, ferner aus dem mit Bluth angefüllten Ventriculum dextrum Cordis, und der auricula dextra, endlich aus dem beschriebenen Zustand des Gehirns.

Wir haben ferner in unsern obductions-Bericht ad II gesagt, daß wir bei Denatum eine große harte Leber – eine grosse Gallenblase, und viel verdikte schwarze Galle angetroffen haben,

ferner ad III: daß dessen Gehirn-Substanz fester als gewöhnlich befunden worden.

Nach diesen Anzeigen finden wir uns veranlaßt, gestützt auf Physyologischen Principia zu folgern, daß Denatus dem Temparente nach ein Sanguino cholericus in Summa gradu gewesen, und gewiß harte hypochondrische Anfälle oft habe dulden müssen, wie einige Herrn Dienst-Cameraden mir den Physicus selbst, solches versichert haben. Wenn sich nun zu diesem excentrischen Gemüthszustand eine gemeinschaftliche Religionsschwärmerey gesellte, so läßt sich hieraus auf einen kranken Gemüthszustand des Denati von Kleist mit Recht schließen.

(Sembdners Quelle: Minde-Pouet, Georg: Kleists letzte Stunden. Teil 1 (mehr nicht ersch.): Das Akten-Material. Berlin 1925, S. 47-50)

2. Denata verehl. Vogel geb. Adolphine Keber

… ihr Alter wurde auf 34 Jahre angegeben, das Gesicht war von Pockennarben marquirt. Sie hatte blaue Augen, bräunliches Haar, eine blendende weisse Haut, starcke Brüste, ausser denen bereits im ersten Bericht angegebene Kleidungsstücke, feine baumwollene Strümpfe, feines Hemde, schwarze Corduane-Schuhe mit schwarzen Bande, um den Fuß gebunden, und blau seidene Strumpfbänder angethan; ihr Körper war proportionirlich groß und stark, auch war sie mit Unterbein-Kleider versehn. Noch im angekleideten Zustand der Denatae fanden wir unter der lincken Brust ein mit Schieß-Pulver gebrantes rundes Loch, der hineingebrachte Finger des Physicus drang bis in der Brusthöhle, die ganze lincke Seite der Denatae war mit Blut besprüzt, und ausser dieser genannten Verwundung fanden wir am ganzen Körper weder Wunden noch Contusionen … von den Schuß selbst ist nichts in der Wunde gefunden worden, zu bemerken ist hierbey, daß die Kugel bey ihrem Durchgange durch den Intercostal-Muscel keine Ribbe verlezet hatte … und hatte ihren Ausgang unter der lincken Scapula wieder ohne alle Rippen-Verlezung genommen, obgleich aus der Mündung der bei den denatis vorgefundene lange Pistole auf einer ziemlich grossen Kugel geschlossen werden konnte …

Es wurde hiernächst der Unterleib geöfnet, wir sahen die beiden Omenta, die Leber nebst Gallenblase, die Milz, den ganzen Tractum intestinum, den Magen, das Pancreas, alles im natürlichsten ganzen gesunden Zustande. Der Magen der Denatae, war ganz zusammen gefallen, beim aufschneiden desselben fanden wir nichts von harten Speisen, sondern nur 5 bis 6 Löffel eines ganz flüssigen Breies, ganz ohne Geruch, die inwendige Flächen des Magens waren nicht entzündet, auch die zottige Haut desselben, war in Normal-Zustande. Der Uterus aber war in seiner ganzen Substanz so verhärtet, daß er gleichsam verknorpelt zu seyn schien, die Muttermund stand offen, der Cervix war kaum noch zu sehen, so viel war von der ausfliessenden Jauche zerstöhret worden, nur durch den stärksten Druck eines sehr scharfen Scalpels ließ sich derselbe der Länge nach aufschneiden. Hier fanden wir auch die inwendige Substanz ganz verhärtet, nur ex fundo floß beym Druck eine eiterartige Feuchtigkeit aus demselben. Die Muttertrompete, die Eierstöcke, die ganz leere Urinblase, die Nieren mit ihren Urether, auch die äussern Geburtstheile, waren ganz im Normal- Zustande.

Wegen der, am denato v. Kleist zerbrochenen Kopf-Säge konnten wir das Cavum cranii hier nicht besichtigen, auch war es nicht durchaus nothwendig, da Causa mortis hinlänglich ausgemittelt worden, eine fehlerhafte Organisation im Gehirn ließ sich darum nicht supponiren, weil Denata überall viel Geistes-Cultur verrieth.

Es constiret demnach aus diesem Visa reperto, daß denata Vogeln an einem unheilbaren Mutter-Krebs gelitten, und aus Furcht für einem langsam sehr schweren Tod, sich diesen leichten Tod gewählt hat.

(Sembdners Quelle: Minde-Pouet, Georg: Kleists letzte Stunden. Teil 1 (mehr nicht ersch.): Das Akten-Material. Berlin 1925, S. 51-53)


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