Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 529)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Anna Germaine von Stael-Holstein, Betrachtungen über den Selbstmord (Stralsund 1813)

Diese Frau vertraut so gänzlich der Tat die sie begeht, daß sie sterbend schreibt: sie werde wachen aus höhern Sphären über ihre Tochter; während daß der Gerechte oft zittert auf dem Bette des Todes, hält sie sich des Loses der Seligen gewiß. – Zwei Wesen, die man achtungswert nennt, mengen die Religion in die blutigste aller Handlungen! Zwei Christen vermengen den Mord mit dem Abendmahl, indem sie neben sich die Gesänge aufgeschlagen haben, die die Gläubigen singen, wenn sie sich zu dem Schwure vereinigen, dem göttlichen Muster der Geduld und Ergebung zu folgen. …

Den Abend vorher, ehe sie sich das Leben nehmen will, schickt die Mutter ihre Tochter in das Schauspiel, als wenn der Tod einer Mutter von ihrem Kinde als ein Fest betrachtet werden müßte, und man schon in das junge Herz die falschesten Ideen einer verirrten Einbildungskraft pflanzen müsse; sie selbst aber schmückt sich mit neuem Putz, wie ein heiliges Opfer. In dem Brief an ihre Familie beschäftigt sie sich mit den kleinsten Umständen der Wirtschaft, um Sorglosigkeit über die Tat anzuzeigen, die sie begehen wird – [Aus dem Französ. übersetzt von Friedrich Gleich]

(Sembdners Quelle: Stael, Anna Germaine Baronin v.: Betrachtungen über den Selbstmord. Übers. von Fr. Gleich. Stralsund 1813, S. 71f., 74f.)

[Anmerkung Sembdner: »Diese sonst nicht bekannten Einzelheiten gehen vermutlich auf Mitteilungen von J. E. Hitzig zurück.«]


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