Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 523b)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Adam Müller (Österreichischer Beobachter, 24. Dez. 1811)

Er hatte in den letzten Thgen seines Lebens eine Frau kennen gelernt, die, mit vielen glücklichen Gaben des Geistes und mit Anlagen zu jeder Tugend ausgeschmückt, zugleich musterhafte Hausfrau und ihrem rechtschaffenen Ehemanne auf Tod und Leben ergeben war. Ihr einziger Fehler war ein tiefes Mißtrauen in sich selbst, eine Unbefriedigung mit ihrem eigenen Tun und Lassen, ein geheimer Widerstreit gegen die Verhältnisse dieser Erde, so wie sie selbige kennen gelernt. Alle ihre äußeren Verhältnisse waren die möglichst glücklichen, welches sie auch empfand, mit Dankbarkeit, obwohl nicht recht wissend, wem sie dafür verpflichtet sei. Eine absolut unheilbare körperliche Krankheit kündigte sich bei ihr an, und, da ihr zerrissener Gemütszustand es ihr schon längst zweifelhaft gemacht, ob sie eigentlich für diese Welt bestimmt sei, und ob sie je ihre Familie so beglücken könnte, wie sie es wünschte, so schien ihr nun das Rätsel gelöst. Sie hatte sich schon mit dem Leben abgefunden, als sie dem unglücklichen Freunde begegnete, der wie sie, über die Ansprüche des Lebens getäuscht, der wie sie, wenn ich mich so ausdrücken darf, lange Zeit her den Todesgedanken als eine bloße Würze des geschmacklosen Lebens betrachtete; der so vieles um sich her und alle Arbeiten seines tätigen Lebens, fruchtlos hatte untergehen sehen, und, in der Gegenwart zu sehr befangen, obwohl ohne unheilbare, körperliche Krankheit, gleichfalls das Ende seines Daseins und der Dinge, die ihn gereizt hatten, deutlich herankommen sah. Über die Tröstungen einer kurzen Leidenschaft, waren beide so weit erhaben, daß ich sie, um mich der Welt verständlich zu machen, kalt gegen einander nennen muß. Es gab keine Gemeinschaft zwischen ihnen, als die der herrlichsten Anlagen, der Unwissenheit über ihre höhere, göttliche Bestimmung, also der Verzweiflung und - in den letzten Stunden ihres Lebens - eines gewissen tragischen Interesses aneinander.

(Sembdners Quelle: Der Österreichische Beobachter. Wien 1811)


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