Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 523a)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Peguilhens spätere Niederschrift (1812)

Mdme Vogel war von der Natur bestimmt, die Zierde ihres Geschlechts zu sein, sowohl in Ansehung des Geistes als des Körpers. Daß diesem die Fülle der Gesundheit fehlte, und ihr geistreiches Gesicht von den Blattern etwas gelitten hatte, war eine schonende Fürsorge der Vorsehung für unser Geschlecht. … Sie war ein wunderbares genialisches Wesen, bei der man das Fremdartigste in einem seltenen Vereine fand. Ihr Geist, durch Shakespeare und Goethe, durch Homer und Cervantes genährt, durch talentvolle Freunde gepflegt, die sie alle überragte, konnte sich auch zu dem Gemeinsten herablassen, und zwar ohne Affectation, welche ihr ganz fremd war. Dieselbe Frau, welche Abends durch meisterhaften Vortrag der schwierigsten Compositionen, durch Spiel u. Gesang ihre Freunde entzückte, fand der kommende Morgen mit Ausbessern und Sortiren der Wäsche beschäftiget. …

Ihre Wißbegierde kannte keine Grenzen, und nichts verschmähete sie, was ihre Kenntnis bereichern konnte. … So z. B. bat sie mich öfters, ihr Unterricht im Drechseln zu geben. Selbst Fechten wünschte sie zu lernen, und Kleist unterrichtete sie wirklich in den Elementen der Tactik und Kriegskunst. …

Selbst ganz eigentümlich organisirt, hatte sie ein seltenes Talent, die Eigentümlichkeiten Anderer aufzufassen und bemerkbar zu machen; aber nicht etwa Lächerlichkeiten oder besondre Angewohnheiten, sondern characteristische Züge, die den Menschen zu dem machen was er ist; hervorstechende Individualität, und zwar immer von einer guten Seite. Ihr Scharffblick entdeckte an dem unbedeutendsten Menschen, eine interessante Seite, deren Berührung ihm schmeichelhaft sein mußte. …

Bei dem reinsten Tugendgefühl war sie keine Prüde, und wurde nicht durch ein unbedachtes Wort in einer fröhlichen Gesellschaft beleidiget. Sie las die Liaisons dangereuses [von Choderlos de Laclos] als meisterhaftes Gemälde des Sittenverderbnisses der großen Welt mit gleichem Interesse, als das zarte Gemälde der Liebe in Werthers Leiden. …

Sie hat zwar nie für den Druck geschrieben, und ein eigentlich literarischer Nachlaß war nicht vorhanden, aber doch mehrere kleine höchst interessante Aufsätze, welche die Fülle und Eigentümlichkeit ihres Geistes näher dargelegt haben würden, die sie aber aus einem Übermaße von Bescheidenheit kurz vor ihrem Tode vernichtet hat. Indeß schon jene [erhalten gebliebenen] Fragmente deuten auf echte Originalität und zeigen hinreichend, daß diese Skizze zwar von Freundeshand angelegt, aber nicht verschönert ist. …

Sie litt an einem unheilbaren Übel. Schon manches Jahr hatte sie ihren Zustand schmerzlich empfunden, und ein Zustand völliger Behaglichkeit, wie in den letzten Monaten ihres Lebens, war eine seltene Ausnahme. Noch manche Jahre des Leidens standen ihr bevor, und der allerfurchtbarste Tod. Der Arzt der ihren Zustand nach ihrem Tode untersuchte, drückte sich darüber so aus: daß er sich lieber zehnmal lebendig rädern lassen, als den ihr wenn auch vielleicht erst nach Jahren bevorstehenden qualvollen Tod sterben mögte. Daher sah sie schon seit langer Zeit einem schnellen u. schmerzlosen Tode als dem Ziele ihrer Leiden mit Sehnsucht entgegen. Sie strebte überall nach dem höchsten; u. ein gesunder Körper ist doch gewiß die erste Bedingung aller irdischen Glückseligkeit; und diese war für sie auf immer unwiederbringlich verloren. Das ganze Streben ihres für Liebe und Freundschaft so empfänglichen Gemüts ging nun dahin, mit einem lieben Freunde vereint die Welt zu verlassen. Sie erlaubte sich öfters Anspielungen auf diesen Wunsch sowohl gegen ihren Gatten als gegen andere Freunde, die freilich erst jetzt Bedeutsamkeit erhalten; brach aber das Gespräch kurz und traurig ab, sobald sie die wenige Empfänglichkeit ihrer Gesellschafter bemerkte.

Durch die zu weit getriebene Offenheit eines geachteten Artztes wurde sie von ihrem Zustande, den sie vorher nur ahndete, völlig unterrichtet. Von dieser Stunde an datirt sich wahrscheinlich ihr fester Entschluß, eine Welt zu verlassen, von deren Freuden ein herbes Geschick sie ausschloß. Ihr längst genährter Vorsatz wurde lebendiger, und Kleist dem ihr leisester Wunsch Befehl war, der nur in ihr lebte, nur an ihren Blicken hing, und sich ihr ganz willenlos hingegeben hatte, billigte nicht nur diesen seiner eignen, alles durch einen schwarzen Flor sehenden Gemütsstimmung zusagenden Wunsch, sondern regte ihn noch mehr an, und gab sich ohne Bedenken zu der fürchterlichen Tat her …

Ich will damit nicht behaupten, daß Kleist vom Anfang seiner Bekanntschaft mit Mdme Vogel an, ihren körperlichen Zustand gekannt habe. Vielmehr ist das Gegenteil gewiß, und höchstwahrscheinlich entstand auch seine Leidenschaft vor dieser Kenntniß. … Die Leidenschaft blieb, und nahm nur einen reineren und heiligeren Character an. Sie wurde endlich bis zum Wahnsinn erhöhet … Er war gar nicht fähig, einen Gegenstand von allen Seiten zu beleuchten. Alles andre vergessend hob er wie alle Enthousiasten einen einzelnen Punct aus; dieser aber wurde bis ins kleinste Detail verfolgt, ausgemahlt, verschönert und poetisch gestaltet. Er sah nichts als eine geliebte dem Tode geweihete, von teurer Hand ihn wünschende Freundin! Ohne den krankhaften Zustand der Mdme Vogel hätte Kleist wahrscheinlich allein die Welt verlassen, wenn seine Leidenschaft zu mächtig geworden wäre, um in den Schranken der Tugend und Sittlichkeit zu bleiben. [LS 490b]

(Sembdners Quelle: Peguilhen, Ernst Friedrich: Aufsatz über H. v. Kleist und Adolphine Vogel. In: S. Rahmer, H. v. Kleist als Mensch und Dichter, Berlin 1909, S. 149ff. – Staengle, Peter: Kleist bei Varnhagen in Kraków. In: Brandenburger Kleist-Biätter 7/1994, S. 63-79)


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