Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 507a)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Marie von Kleist an Friedrich Wilhelm III. Berlin, 9. September 1811

Ich lege den Brief eines meiner alten vieljährigen Freunde zu meines Königs Füßen und behaupte dreist, daß es kein biederer echterer preußischer Untertan gibt als diesen Freund. - Mein gnädiger gütiger König glaube nicht, daß seine Jugendabenteuer, seine dichterischen Schrollen mir unbekannt sind, alle diese Dinge haben seinen patriotischen Sinn gehoben und vermehrt, nur enthusiastische Menschen werden jetzt etwas heißen. Aber wahre, echte, enthusiastische Menschen, nicht wie manche, die ich nicht nennen mag, deren Enthusiasmus bloßer Egoismus war - Mit meinem Kopfe stehe ich dafür, daß mein Protégé sich in Stücken hauen läßt, ehe er etwas ihm Anvertrautes je übergibt - Er, hoffe ich, soll die Fehler meiner anderen Verwandten wieder gut machen - Mein König lasse ihn an seiner Seite fechten, er beschirme meines Monarchen Leben. Nicht das Traktament der Adjudanten fordere ich für ihn. Er verlangt nur die Gage des letzten Lieutenants eines Regiments, gern diente er ganz umsonst, wenn er die mindeste Ressource hätte. Sein ganzer, sein einziger Wunsch, ist für seinen König zu sterben. - Ach! mein König nehme einmal einen Verteidiger aus meiner Hand - niemanden liegt ja so viel an der Erhaltung Ew. Majestät. - Mein König vergesse nicht, daß ein Dichter seines Namens unter die ersten Helden des Vaterlandes gehört, ein Mann auch, aus unsäglichen Sonderbarkeiren zusammengesetzt, aber brav, und treu - in H[einrich] K[leist] soll dieser Held wieder aufleben; mit mehr Eifer, und mehr Geringschätzung des Lebens ergreift keiner die Waffen. Auch hat er seit einigen Jahren sich viel mit Taktik beschäftiget, Kriegesspiele gespielt etc. etc. und hat ein Wille wie er nirgends gefunden wird, ich empfehle ihn meinem Könige aus dem Innersten meines Herzens - Nur er teilt alle meine Gefühle fürs Vaterland mit - Geben Ew. Majestät ihm einen Wink und er findet sich ein, wo er sich einfinden soll, auf seine Verschwiegenheit können Ew. Majestät wie auf einen Felsen bauen - Gern empföhle ich auch mein Sohn: seine zarte Jugend aber beraubt mir noch die Zuverlässigkeit, die dazu erfordert wird - Ach und wenn er nicht meine Wünsche und Hoffnungen entspräche, und ich ein Wesen empfohlen hätte, welches nicht seinen Platz ausfüllte, ich wäre in Verzweiflung, doch verlangt ihn sein Monarch, so ist er da - er verlangt nichts mehr als diese Freiheit - dann habe ich keine Verantwortung mehr - Ach! mein allergnädigster König und Herr, welch ein Schmerz mein Herz zerreißt, kann ich nicht sagen - Wenn ich meinen Monarchen begleiten könnte, wäre ich ruhig, und wenn es mir noch so übel ginge - Aber noch einmal hier bleiben ist schrecklich, schrecklich - ich habe eine Ahndung, daß es mir übel geht - Meinem Könige, seinen Kindern, könnte ich vielleicht einmal Krankenwärterin sein, und wer würde das alles mit mehr Treue und Liebe sein - Doch wie mein König will - Zwei Kriegs-Lieder von H. Kl[eist], die hier erfolgen, können ihn, wenn Ew. Majestät ihn nicht mitnehmen, hier teuer zu stehn kommen. Gott, der Allmächtige, segne und schütze Ew. Majestät, und die teuren Pfänder der Verewigten. - -

Mein König verbrenne diesen Brief. -

(Sembdners Quelle: Minde-Pouet, Georg: Zu Kleists letzten Tagen. Frankfurter Oder-Zeitung, 21. 11. 1931. – Sembdner, Helmut: Zu Heinrich und Marie v. Kleist. Jahrb. d. Dt. Schillerges. 1957, S. 170f. (Sembdner, Helmut: In Sachen Kleist, S. 176-195))


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