Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 497a)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


[Wilhelm Grimm.] Leipziger Literaturzeitung, 28. September 1812

Der zerbrochne Krug, ein Lustspiel, von Heinrich von Kleist. Berlin, in der Realschulbuchhandlung 1811. 174 S. 8. (2r Gr.)

Diesem Lustspiele fehlt es keinesweges an komischer Kraft und originellem, wahrhaft poetischem Geist; einige Szenen, zumal im Anfang, sind überaus ergötzlich, die Charakteristik ist vortrefflich und gleichwohl hinterläßt das Ganze keinen recht befriedigenden Eindruck. Dies erklärt sich aus der Behandlung des Stoffs. Der Dichter hat seinen Gegenstand mit einer Umständlichkeit, mit einer Genauigkeit und Vollständigkeit vor Augen gelegt, wie wir es in den niederländischen Familiengemälden zu sehen gewohnt sind, so daß das Drama sich zu langsam fortbewegt, und zu sehr in die Breite ausdehnt. Der Stoff mag ihn zu dieser undramatischen Auseinandersetzung veranlaßt haben, denn es wird ein Rechtsstreit verhandelt, der, da der Richter selbst nicht nur darin verwickelt, sondern der alleinige Urheber davon ist, sich, indem er aufgelöst werden soll, immer wieder von neuem verwickelt durch die rabulistischen Kniffe des Arglistigen, der, wie er sich sehr gut ausdrückt, bei sich selbst verklagt wird. Zu Anfang sind diese hinzögernden Ränke und die Verlegenheiten, aus welchen er sich durch sie herauszuwinden sucht, überaus unterhaltend und belustigend; weiterhin aber und zumal gegen den Schluß werden sie ermüdend: man wird über dem langsamen Fortwirken zuletzt ungeduldig, da man überdies wegen des endlichen Ausganges nicht lange in Ungewißheit bleibt. Dabei erscheint der Richter etwas zu nichtswürdig, als daß wir ihn bloß in komischem Lichte erblicken könnten: er reizt unsern Unwillen durch die feindselige Stimmung, in die er alle gegen die schuldlose Eve versetzt, welche wir aufs peinlichste geängstigt sehen. Es ist in der Tat zu bedauern, daß der Dichter keinen günstigern Stoff gewählt hat; wir hätten sonst gewiß ein Lustspiel erhalten, wie unsre Literatur wenige aufweisen kann. Denn auch hier zeigt sich sein außerordentliches Talent.

(Sembdners Quelle: »554«. – Obenaus, Sibylle: Wilhelm Grimms Kleist-Rezensionen. In: Jahrb. d. Dt. Schillerges. 1981, S. 96)

[Anmerkung Sembdner: »Der Artikel gehört zu den Kleist-Rezensionen, die Wilhelm Grimm neben und nach seinen Beiträgen für die ›Zeitung für die elegante Welt‹ (s. LS 369, LS 370, LS 497, LS 502) und für die Leipziger und Hallesche Literaturzeitung anfertigte, wo sie erst nach Kleists Tod erschienen (s. NR 652a, NR 652b).« – Sembdner, Helmut: Wilhelm Grimms Kleist-Rezensionen. Zu Sibylle Obenaus' Methodenproblem. In: Jahrb. d. Dt. Schillerges. 1982, S. 31-39 (Sembdner, Helmut: In Sachen Kleist, S. 303-311)]


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