Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 490a)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Peguilhen, Aus dem Leben H. v. Kleists (1854)

Heinrich v. Kleist war von einem jüdischen Mäzen zur Tafel geladen, und auch eine, damals sowohl wegen ihrer lebendigen Darstellung als zweite Lady Hamilton berühmte und außerdem wegen ihrer Naivetät und natürlichen Offenheit bekannte Schauspielerin S.*[1] - Der Wirt hatte nichts Angelegentlicheres zu tun, als dieses seiner Ansicht nach zusammengehörige, auf einer Stufe stehende Künstlerpaar bei Tische nebeneinander zu setzen und sein eignes Ich gegenüber zu pflanzen, um ja kein Wort von dem vorausgesetzten künstlerischen Zwiegespräch zu verlieren, und mit den aufgeschnappten, gehörig verdrehten Brocken seine Bekannten in Erstaunen zu setzen.

Kleist war damals wohl genannt, aber nicht berühmt, wie er es denn in der Tat erst nach seinem Tode wurde. Das »Käthchen von Heilbronn« (mit Erlaubnis der Herren Kleist-Coraxe nicht die beste seiner Arbeiten) war nur im Manuskript vorhanden und noch auf keiner Bühne dargestellt. Es hatte bis dahin nur zu dem bekannten Billett an Iffland [s. LS 365a] Anlaß gegeben, das wohl das Witzigste sein mochte, was je aus Kleists Feder geflossen ist.

Frau S. hatte damals schon den Gipfel ihres, als mimische Künstlerin wohlverdienten Rufes erreicht, und in ihrem Innern vielleicht wähnend, durch Entgegenkommen sich zu dem weniger Bekannten herabzulassen, wohl gar ihn zu ehren und zu heben, vielleicht auch dessen künftige Lorbeern ahnend, begann sofort die Unterhaltung mit dem ihr ganz Unbekannten. Sie sprach von dem allverbreiteten Orden der Dichter und Dichterinnen aller Länder, von der nahen Verwandtschaft mit den Schauspielern, von Hyazinthen, Tulpen, Rosen und anderen Blumennamen der Dichter als geheime Paß- und Erkennungswörter unter sich und so weiter. Dem guten Kleist, der nicht zu dieser Verbrüderung gehörte, und weder öffentlich noch heimlich sich als Lilie - vielleicht für ihn das passendste Stichwort - bezeichnen ließ, war dies Gespräch weder verständlich noch annehmlich. Er, der nicht äußerlich, nur innerlich glühte, und, von Natur wortkarg, sich nicht besonders angezogen fühlte, war so ungalant, die Dame fast mit Schweigen zu beschämen, und mehr auf die irdische Speise des Wirtes, als auf die geistigen Brosamen seiner Nachbarin zu achten. … Sie strafte ihren Nachbar mit seinem Vornamen durch eine witzige Anspielung auf die bekannte Blume gleichen Namens als: stolzen Heinrich, … fing auch allgemach an, die Rechte und Pflichten der durch ein geheimes magisches Band auf dem ganzen Erdball verbrüderten Dichter und Dichterinnen zu entwickeln. Sie sprach die so verschwisterten Seelen als hoch über Menschensatzung und Vorurteil erhaben an, als entbunden von konventionellen Verhältnissen und Formen, besonders nach dem Aussprechen des Losungswortes; gleich beim ersten Zusammentreffen nicht bloß als alte Bekannte, sondern gleichsam durch ein siamesisches Zwillingsband mit einander verwachsen, oder in den magischen Ring des Mesmerismus gebannt, der ohnfehlbar in beiden gleichartige Gefühle hervorriefe.

Kleist, mit einem gesunden Appetit begabt, hörte diese schönen, noch weiter ausgesponnenen Sachen nur mit halbem Ohre, ohne die noch verblümter vorgetragene Lehre von einer so schrankenlosen Gemeinschaft, wie etwa bei der Harmonie-Gesellschaft in Amerika, zu begreifen. Er ließ kaum hin und wieder ein Wort fallen, arbeitete mit dem Munde bloß um zu kauen, und tat schon wie die damaligen (jetzt noch ausgebildetem) Incroyables, die einen Ruhm darin setzten, das schöne Geschlecht mit Hintansetzung aller Höflichkeit nachlässig zu behandeln. … Kleist antwortet kurz mit vollem Munde und ohne merkliche Unterbrechung seiner gastronomischen Studien, und ebensowenig ist es möglich, die Sensitiva von der ihr höchst interessanten Aussicht: einem Neuling die Dichterweihe zu geben, abzulenken. Sie tritt endlich gegen den stolzen Heinrich geradezu mit dem Ansinnen hervor, ihn noch heute als Neuaufgenommenen zu taufen, und ihm abends in ihrer Wohnung die volle Weihe zu geben, wozu sie durch das Statut ermächtigt sei; dabei wurde sie genial vertraulich und andringlich.

Der in aller Hinsicht starr ehrenwerte Kleist, Reinheit in Wort und Tat beim schönen Geschlecht fordernd und ehrend, begriff nun erst, wovon die Rede sei. Aber so wie ihm dies klar geworden, war es auch um seine gemütliche Gaumenlust geschehen.

Nicht schneller durchzuckt der elektrische Funke den durch die Kette verbundenen Kreis, als er, ohne ein Wort zu sagen, mit dem Taschentuch die in seinem Gesicht auflodernde Glut verbergend, aufsprang, aus dem Speisesaal die Treppe hinab auf die Straße stürzte und, wie von Furien verfolgt, zu seinem in der Nähe wohnenden Freund P.*[2] flüchtete.

Kleist fuhr, ohne anzuklopfen, in dessen Arbeitszimmer hinein, und warf sich glühend, ganz außer sich auf ein Sofa, anfangs unfähig, nur ein Wort hervorzubringen. P., der ihn in solcher Aufregung nie gesehen, stutzte, und fragte gutmütig, ihm ein Glas Wasser reichend, was ihm begegnet sei?

Kleist goß das Wasser hastig hinunter, und nach einiger Erholung trug er das Begegnis mit einer bei ihm ganz ungewöhnlichen Exaltation und mit Äußerungen des innigsten Verdrusses über Verletzung weiblicher Würde ausführlich vor, und hätte vielleicht noch lange fortgesprochen, wenn ihn nicht P., sobald er unterrichtet war, durch ein lautes, nicht zu stillendes Gelächter unterbrochen hätte. …

Da brach der Sturm noch gewaltiger los. Er warf dem P., ihn mit einer Sündflut genialer Scheltnamen überschüttend, Undelikatesse, Gemeinheit vor, kündigte ihm alle Freundschaft auf, die zwischen so ganz verschiedenen Naturen nicht ferner bestehen könne, und so weiter.

Als P. bemerkte, daß alle besänftigenden Worte in den Wind geredet waren, doch sein unmöglich zu unterdrückendes Gelächter immer von neuem Öl ins Feuer goß, bemühte er sich, sein Gesicht in ernstere Falten zu legen, reichte Kleist einen Hut und ersuchte ihn, nach Hause zu gehen, um die Sache zu beschlafen; worauf Kleist blitzschnell, ohne ein Wort zu erwidern, davonlief. …

Bei dem Mäzen entstand zwar eine allgemeine höchst unwillkommene Störung, indessen wurde Kleists Flucht wirklich auf Nasenbluten oder einen anderen plötzlichen Krankheitsanfall geschoben. Nur die Sensitive glaubte das Richtige zu treffen, indem sie den raschen Aufbruch zwar auf Rechnung des strengsten und heiligsten Feuers schrieb, das sie entzündet zu haben glaubte, aber zugleich überzeugt war, Kleist habe nur die Absicht, mit ihr eine Weihe-Zusammenkunft vorzubereiten, in welcher Meinung sie unter einem Vorwande ebenfalls den Speisesaal verließ, um ihn in seinem Versteck aufzusuchen. Als sie die Gewißheit erhielt, daß er wirklich ohne Kopfbedeckung das Haus verlassen habe, besuchte sie ihn am folgenden Tage in seiner Wohnung, wozu zarte Besorgnis für seine Gesundheit einen schicklichen Vorwand bot, und gab ihren Plan erst auf, da er sich als unwohl verleugnen ließ.

P. fand es nicht unter seiner Würde, am andern Tage den Freund in seiner Wohnung aufzusuchen. Da dessen Lebensgeister durch die Stille der Nacht beruhigt waren, so fand ein gutes Wort eine gute Statt, und bald wurde unter gemeinschaftlichem Gelächter und Witzworten der Freundschaftsbund von neuem geschlossen.

  1. Hendel-Schütz [Anmerkung von Gubitz, 1854]
  2. Peguilhen [Anmerkung von Gubitz, 1854

(Sembdners Quelle: Peguilhen, Ernst Friedrich: Aus dem Leben H. v. Kleists. In: Berühmte Schriftsteller der Deutschen. Hrsg. v. E W. Gubitz. Bd. 1, Berlin 1854, S. 309-16)


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