Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 460a)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Fouqué an Varnhagen von Ense, 7. Januar 1811

Mit den Abendblättern geht es recht fatal; sie sind ein Erisapfel zwischen Hitzig und Kleist geworden, so daß sich letzterer damit zu Kuhn - schreibe Kuhn, Herausgeber des Freimüthigen!! - gewandt hat. Das nimmt mir nun alle Lust am Mitarbeiten, vorzüglich da das Blatt eine gänzliche Zeitungswendung nimmt. Früher habe ich mancherlei dahinein gegeben: Reflexionen, Ankündigungen, kleine Novellen oder vielmehr wohl nur Anekdoten u. dgl. m. Der Erfolg dieser mit so günstigen Aussichten begonnenen Zeitschrift war nicht dem Anfange gemäß. Es war zu früh und zu viel ernste Staatswissenschaft hinein geraten. So ging durch viele Blätter ein Streit über das Verdienst oder Nichtverdienst des seligen Prof. Kraus in Königsberg, den die mehrsten Leser - mich Unstatistiker mit eingeschlossen - noch nicht einmal hatten nennen hören, so daß sich schon viel Unwillen und Witz gegen das Ganze erhob. Um Kleists Willen, weil er von da eine Sicherung und Erleichterung seiner Existenz hofft, wünsche ich dem Wesen Bestand, und will auch, wenn er es fortdauernd verlangt, Beiträge liefern, aber diese möchten vor dem sogenannten Bülletin der öffentlichen Blätter - einem Ausgeschreibsel aus den Zeitungen - bei der jetzigen Einrichtung schwerlich viel Platz mehr haben. - Wie es eigentlich mit Kleists und Hitzigs Entzweiung oder doch Entfremdung zugegangen ist, weiß ich nicht genau. Soviel scheint zu erhellen, daß sich Kleist einigermaßen mißtrauisch und eigensinnig bewiesen hat, und Hitzig vorzüglich über das erstre tiefe Kränkung empfindet. Es tut mir von ganzer Seele weh. Mußte ein so frisch und gutwillig begonnener Verein nun endlich eine so schmerzende Rührung herbeiführen! So ist es mit den menschlichen Entwürfen und Hoffnungen. Wie einer, der in einer fremden Sprache redet, und sie nicht versteht, sagen und veranlassen wir oft grade das Umgekehrte von dem, was wir wollten und meinten! -

(Sembdners Quelle: Rahmer, Sigismund, H. v. Kleist als Mensch und Dichter. Nach neuen Quellenforschungen. Berlin 1909, S. 111


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