Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 373)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


[Friedrich Weisser.] Morgenblatt. 18. Dezember 1810

Bei Lesung der ersten Blätter dieser Ritter-Tragödie glaubten wir, eine Parodie auf den romantischen Schnickschnack unsrer Zeit zu finden. Bald aber ward es uns gewiß, daß es dem Hrn. v. Kleist barer, brennender Ernst sei. Der Stoff möchte noch ergiebig genug sein; die ganze Anlage aber und besonders der Ausdruck: Nein! etwas Tolleres ist uns seit des im Frieden entschlafenen Cramers »Haspar a Spada« [berüchtigter Ritterroman] nicht wieder vorgekommen. S. 16 sagt der Waffenschmied Theobald von Heilbronn von Kätchen, seiner vermeinten Tochter, welche, halb wahnsinnig, dem Grafen Wetter vom Strahl über dick und dünn nachläuft: »Seit jenem Tage folgt sie ihm, gleich einer Metze, in blinder Ergebung, geführt vom Strahl seines Angesichts, fünfdrähtig, wie einen Tau um ihre Seele gelegt, - - - - wie ein Hund, der seines Herrn Schweiß gekostet,« usw. Nicht minder drollig prophetisch lautet der Monolog des Grafen Wetter S. 48, wo es unter anderm heißt: »Kätchen, Mädchen, Kätchen, du, deren junge Seele, als sie heut nackt vor mir stand, von wollüstiger Schönheit gänzlich triefte, wie die mit Ölen gesalbte Braut eines Perserkönigs, wenn sie, auf alle Teppiche niederregnend, in sein Gemach geführt wird! Kätchen, Mädchen, Kätchen! du, schöner als ich singen kann! Ich will eine eigne Kunst erfinden, und dich weinen!« etc. etc.

Einmal wird von dem göttlichen Kätchen gesagt, sie sei der Nabelschnur zu schnell entlaufen. Einige Stellen deuten auf wahre Geisteszerrüttung. Z. B. die Rede des Waffenschmieds S. 172:

Verwegner, du, aus eines Gottes Kuß,
Auf einer Furie Mund gedrückt, entsprungen,
Ein glanzumflossner Vatermördergeist,
An jeder der granitnen Säulen rüttelnd
In dem urew'gen Tempel der Natur, etc. etc.

Das Stück ist abwechselnd in Prosa und Jamben geschrieben, und die beiden Haupthebel, welche das Ganze motivieren, sind - ein Traum und ein Cherub, der Kätchen aus dem Feuer rettet, und sich überall gar dienstbar bezeigt.

(Sembdners Quelle: Morgenblatt für gebildete Stände. Tübingen: Cotta 1810)


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