Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 317b)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Dahlmann an Julian Schmidt (Bonn, 9. Juni 1858)

Kleist und ich trieben damals eifrig das Kriegsspiel, welches gerade durch den auch in unserm Kreise verkehrenden Hauptmann [Ernst v.] Pfuel, jetzigen Generallieutenant und Staatsminister a. D. sehr verbessert worden war. Wir taten das zum gewaltigen Ärger Knesebecks der, als wir uns einmal unartig genug durch seinen Eintritt gar nicht stören ließen, uns nun auseinandersetzte, wie hier gerade alles fehle was das Wesen des Kriegs ausmache. Kleist erwiderte auf jede dieser Ausstellungen: »Es ist aber alles darin, lieber Knesebeck.« Als nun die Reihe auch an die Verproviantierung kam und Kleist es an denselben Worten nicht fehlen ließ, rannte Knesebeck mit den Worten: »Na so hole Sie denn der Teufel« grimmig zur Türe hinaus. Kleist verstand etwas vom Kriegswesen, ich nichts; aber seine jähe Hitze machte mich vorsichtig und so zog ich mich ganz leidlich aus der Sache.

Wir saßen gerade eines frühen Morgens bei unserm Spiele in Stockerau, als der Gastwirt zu uns mit den Worten eintrat: »Was, meine Herren, Sie sitzen beim Spiele und hören nicht, daß die Schlacht angefangen hat?« Es war die von Aspern (21. Mai). Da warfen wir denn freilich alles zusammen. Den Tag nach der Schlacht besuchten wir das Schlachtfeld; der Wirt gab Pferde und Wagen her und fuhr uns selbst. Wie leichten Herzens fühlten wir uns inmitten dieses Anblicks der grauenvollen Zerstörung. Ich verwahre noch jetzt einen Brief, den ich einem toten Franzosen aus der Tasche zog; er war an seine Eltern gerichtet. Niemand störte uns in unsrer Wanderung über das Schlachtfeld; wir befanden uns gerade der Lobau gegenüber, als ich den unglücklichen Einfall hatte, einen Bauer, der Kugeln sammelte, zu fragen: ob die Franzosen hier wo eine Brücke gehabt hätten, oder ob man den schmalen Arm durchwaten könne? Der ehrliche Mann mochte die Frage so verstehn, als ob ich Lust hätte auf diesem Wege zu den Franzosen, die noch auf der Lobau standen, zu kommen; kurz er hielt es für seine Pflicht, Anzeige von den beiden verdächtigen fremdredenden Fußgängern zu machen, und da sahen wir uns denn ziemlich bald nicht bloß unserer Pässe befragt, sondern in formliche Untersuchung genommen. Hunderte von Soldaten strömten herbei, die einander zuriefen, man habe ein paar französische Spione gefangen. Da machte es mich nun wahrhaft ingrimmig, als Kleist von seinen Gedichten hervorzog und namentlich das vom Kaiser Franz ein paar Offizieren reichte. Diese tapfern ehrlichen Leute betrachteten jedes politische Gedicht als eine unberufne vorwitzige Einmischung, und als sie nun vollends hinter Kleists Namen kamen, machten sie mit einer unglaublichen Geringschätzung der preußischen Waffentaten ihm geradezu die Übergabe von Magdeburg durch seinen Verwandten zum Vorwurf. Als wir nun in die Überreste von Aspern kamen, wo in der halbzerstörten Apotheke ein Protokoll aufgenommen ward, gestaltete sich die Sache dadurch wirklich verdrießlich für uns, daß Pferde und Wagen, von denen wir gesprochen hatten, sich nirgend vorfanden. Der Besitzer entschuldigte sich später gegen uns mit der Ausrede, man habe sein Gespann zur Fortschaffung der Leichen benutzen wollen; da sei er rasch davon gefahren. Das Ende war: wir wurden ins Hauptquartier des Marschalls Grafen Hiller nach Neustädtl [Neusiedl] gebracht, und obgleich dieser sich gleich zurecht fand und uns mit sehr gütigen Worten empfing, nur daß er unsre Wanderung auf ein frisches Schlachtfeld hin etwas verwegen fand, mußten wir uns doch entschließen, todmüde wie wir waren, unser nächtliches Unterkommen noch eine gute Strecke weiter im Dorfe Kageran zu suchen.

Nachdem der Krieg verloren war, trennten die Freunde sich mit schwerem Herzen. [LS 519a]

(Sembdners Quelle: Kleist, H. v.: Gesammelte Schriften. Hrsg. v. Julian Schmidt. Berlin: Reimer 1859. Bd. 1, Einleitung S. 93*-99 f.* – Breslauer, Katalog 27, Berlin 1914: Nr. 475)


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