Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 312)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


C. von Martens, Denkwürdigkeiten (1848)

Man erteilte mir den Auftrag, nach Sachsen zu gehen, mich dort mit den Verbündeten [für den Plan einer geheimen allgemeinen Volksbewaffnung] in Berührung zu setzen und wo möglich unseren Einmarsch daselbst vorzubereiten. … Unter den Personen, mit welchen ich daselbst in Verbindung treten mußte, befanden sich auch der Lieutenant von Pfuel und Herr Adam Müller. Ich fand in Herrn von Pfuel einen liebenswürdigen und höchst gebildeten, von warmer Valterlandsliebe beseelten Mann. Er erteilte damals dem Prinzen Bernhard von Weimar, welcher als Major bei der sächsischen Garde du Corps stand, Unterricht. Die Nachrichten, die er mir erteilte, waren keineswegs ermunternd, denn an irgendeinen Enthusiasmus war in Sachsen damals gar nicht zu denken. Dennoch fanden sich einzelne der deutschen Sache ergebene Männer, welche mit Tätigkeit uns in die Hände arbeiteten. Herr von Pfuel gab mir statistische und topographische Nachrichten, welche für mich von hoher Wichtigkeit waren.

Man hatte ein Auge auf den Prinzen Bernhard von Weimar geworfen, um einen großen Mann an die Spitze der allgemeinen Bewegung zu stellen, weil man hoffte, daß dieser Mann, in dem sich so herrliche Erinnerungen kreuzten, die deutschen Volksstämme begeistern würde. Ich überzeugte mich jedoch sehr leicht, daß diese Hoffnung nur eine Täuschung war.

In Herrn Adam Müller fand ich gerade das Gegenteil von Herrn von Pfuel. Der Graf [Friedrich] von Götzen hatte mir gesagt, daß ich auf diesen Mann vorzüglich rechnen könne, und ich war mit einem mit sympathetischer Tinte geschriebenen Briefe an ihn versehen, in welchem der Zweck meiner Reise im allgemeinen angegeben war. Herr Adam Müller empfing mich mit stolzer einstudierter Höflichkeit, an seinem Schreibtische in eleganter Kleidung sitzend. Er nahm das Schreiben, erklärte, daß er keine Zeit habe, sich mit mir zu unterhalten und das übergebene Schreiben zu lesen, und lud mich ein, ihn am nächsten Morgen zu besuchen. Ohnerachtet mir diese lächerliche und gezierte Vornehmheit sehr mißfiel, so ging ich dennoch wieder zu ihm und wurde auf die nämliche Art empfangen. Er dankte mir für das Schreiben, bat mich, dem Grafen von Götzen seine Verehrung darzubringen, wünschte uns Glück zu unserer Unternehmung, bedauerte aber mit einem diplomatischen Achselzucken, daß er keine Hoffnung hegen könne, daß wir bei der gegenwärtigen öffentlichen Stimmung in Sachsen irgendeine Mitwirkung finden oder irgendeinen Erfolg haben würden, und daß er selbst durch seine persönliche Stellung durchaus verhindert sei, irgendeinen Anteil an unserem Vorhaben zu nehmen. Ich verließ ihn und sah ihn nicht wieder.

Der Zweck meiner Reise war gänzlich verfehlt, und ich brachte die Überzeugung mit nach Glatz, daß man auf die Sachsen gar nicht rechnen könne.

(Sembdners Quelle: Martens, C. v.: Denkwürdigkeiten aus dem kriegerischen und politischen Leben eines alten Offiziers. E. Beitrag z. Geschichte d. letzt. vierzig Jahre. Dresden und Leipzig: Arnoldische Buchhandlung 1848, S. 83,86f.)


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