Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 263b)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Ernst Blümner an seinen Bruder Heinrich. Dresden, 4. März 1808

Die Körner-Familie ist Dir für die »Eitle Mühe der Verliebten« sehr dankbar, und empfiehlt sich Deinem Wohlwollen. Man war im K[örner]schen Hause schon seit 4 Wochen mit Einstudieren einer anderen Bearbeitung dieses Stücks von einem Hrn. v. Pfuel, Preuß. Ex-Offizier, beschäftigt. Es ist aber Hr. v. Vieth, der den Onkel spielen sollte, unpäßlich, und fürs erste ist die Aufführung verschoben worden.

Von dem neuen Phoebus ist wenig Heil zu erwarten, und es wird wohl ein Phaeton daraus werden, wie neulich jemand von geringer altrömischer Bildung ihn in der Unschuld seines Herzens nannte [s. LS 212]. Das erste Heft enthält einiges nicht schlechte. Das zweite ist merklich dürftiger. Meine Erwartungen befriedigt dies Journal gar nicht, weil es über bildende Kunst fast nichts enthält. Obgleich der Name Kunst-Journal und die Ankündigung, in der es unter anderm hieß, daß Dresden seit der Kunstberaubung des übrigen Deutschlands sich zur Herausgabe dieser Schrift besonders eigne pp., dergleichen erwarten ließ. So sehe ich z. B. nicht ein, was die abgeschmackte, überdies nicht besonders erzählte Geschichte, die sich lediglich um den schmutzigen Pirat einer Schwangerschaft, deren Urheber man nicht kennt, dreht, mit der Kunst gemein hat. Diese Erzählung nimmt zwei Drittel des zweiten Heftes ein. Dieses enthält noch eine verworrene Radotage über das Schöne, die Müller überdies schon in seinen Vorlesungen zum Besten gegeben hat, einige flach-sentimentale Worte über Corinna von demselben, und eine Übersetzung der Lafontain'schen Fabel: Die Tauben, die jeder vernünftige Mensch lieber im Original liest, obgleich Hr. v. Kleist sehr sinnreich aus zwei Bruder-Tauben einen Tauber und ein Täubchen gemacht hat. Im ersten Hefte sind einige artige Worte über den Tanz. Der Verfasser ist unter uns Körner. Seitdem das zweite Heft so schlecht ausgefallen ist, wird K[örner] nichts mehr geben. Das Bedeutendste sind Bruchstücke aus einem Trauerspiel Penthesilea von Kleist; aus denen nicht viel mehr als eine einzige rohe poetische Kraft hervorgeht, von der es problematisch ist, ob sie den Stoff je zur schönen Form überwinden wird. Übrigens ist der leiseste Zweifel an der Göttlichkeit des Phoebus in der modernen, wenigstens der weiblichen Gesellschaft von Dresden ein Verbrechen. Vive le ridicule! Die Kunst alt zu werden, ist die Kunst zu lachen.

(Sembdners Quelle: Weiss, Hermann E: Unveröffentlichte Zeugnisse zu Heinrich von Kleists Dresdener Jahren aus den Nfchlässen Ernst und Heinrich Blümners. In: Euphorion 89/1995, S. 19)


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