Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 237)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


[Johann Gottfried Gruber.] Journal des Luxus und der Moden. Weimar, April 1808

Ich habe zwei Hefte des Phöbus von den Herren v. Kleist und Müller gelesen, und es hat mich nicht gereut. Ein Prolog gebietet dem Phöbus, in den unendlichen Raum zu wettern, zu lenken, wie sich die Faust ihm stellet, wogegen ein Epilog warnt, niemand überzupreschen, auch werde die Pferde nicht immer der Haber stechen. Beide sind von Kleist, der auch in dem mitgeteilten organischen Fragment aus dem Trauerspiel: Penthesilea, zeigt, daß er im Kräftigen bisweilen zu stark greift, und die Franzosen, z. B. mit der erznen Lunge der Drommete, welche bellt, mit der Vernunft, welche keilförmig auf eine rasende Entschließung gesetzt wird (wiewohl sich das noch eher hören läßt) und a. m., an einen andern Phöbus [Phebus], als den er meint, erinnern könnte. Ungeachtet dessen aber, und obschon manches mir ungriechisch vorkam, hat Hr. v. Kleist doch auch hiemit seinen echten Beruf zur Poesie trefflich beurkundet, und uns neuerdings zu glänzenden Hoffnungen von ihm berechtigt. Ein wahrhaft dramatischer Genius beseelt ihn, der sich nur hin und wieder noch in Detailmalerei zu sehr gefällt, und ihn leicht an die gefährliche Klippe führen kann, wo die Darstellung ins Epische übergehend, nicht mehr die Wirkung des Drama tut, dessen Seele die Handlung ist. Vielleicht ist dies das Schlimmste, was dem Dramatiker begegnen kann, weil er darüber gar den Vorteil zu verlieren in Gefahr steht, das außerdem an sich Vortreffliche als solches anerkannt zu sehen. Viel Vortreffliches aber gibt Hr. v. Kleist; er faßt Eigentümlichkeiten treu auf, stellt sie, bisweilen mit nicht zu tadelnder Keckheit, treu wieder dar; er weiß das Innere schön zu veräußern, Situationen gut herbeizuführen, den Gang und Wechsel der Neigung und Leidenschaft zu halten und zu nüancieren, den Ton richtig zu treffen, mit Sprache und Vers gewandt umzugehn. Wo er das Anmutige, Zarte, Liebliche darstellte, im 14. Auftritt z. B., hat er sich als Meister bewiesen, ebenso aber auch in der leidenschaftlichen 19. Szene. … Der Engel am Grabe des Herrn, von Kleist, zu dem Titelkupfer, Zeichnung nach einem Gemälde des achtungswerten Künstlers Hartmann, gehört zu den guten Legenden. …

Im 2. Hefte dürfte sich Hrn. v. Kleists Erzählung Die Marquise von O*** vieler teilnehmender Leser erfreuen. Die beiden Tauben, eine Fabel nach Lafontaine, von Kleist, - ich muß gestehen, daß hinter der treuherzigen Einfalt, der schmucklosen Kunst des Originals die teutsche Nachbildung um vieles zurücksteht. Die Taube nennt sich im Teutschen selbst: die süße Freundin, und wie sie, so trägt auch der Nachbildner fast immer zu stark auf. So z. B. statt des einfachen

et voilà qu'un nuage
L'oblige de chercher retraite en quelque lieu,

heißt es im Teutschen:

Und aus des Horizontes Tiefe
Steigt mitternächtliches Gewölk empor,
Gewitterregen häufig niedersendend.
Ergrimmte Winde brechen los:

um ein Schiff zu zertrümmern? - Behüte, um ein Täubchen unter einen Strauch zu jagen! …

Wir wissen nun, dieser Phöbus bringt uns wirklich Licht und Wärme, wenn er bleibt, was er jetzt ist.

(Sembdners Quelle: Journal des Luxus und der Moden. Hrsg. v. Friedr. Justin Bertuch. Weimar 1808)


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