Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 232c)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Karl von Nostitz' Leben und Briefwechsel (1848)

Die Umgebung des Prinzen [Bernhard von Weimar] erhielt in Dresden einen kernhaften Zusatz an Bose, Rittmeister der sächsischen Garde du Corps, der Thielemanns [Thielmanns] Stelle als Generaladjutant vertreten sollte. Bose war ein tüchtiger Geselle nach jeder Seite hin und ward mir bald ein lehrreicher und lieber Gefährte.

Ein munterer Zecher, stark an Willen, wenn auch schwach im Tun, doch ehrlich und derb, handhabte er die Geißel des Witzes gegen die Narren und den ernsten Widerspruch gegen mächtige Taugenichtse. Sein langerprobtes Schlachtfeld war die Dresdener Ressource, der einzige Versammlungsort der vornehmen Eingebornen und Reisenden, sowie aller Gesandten. Hier von der Tafel aus, bei Speis' und Trank und nächtlicher Weile schlang Bose sein Band um die Welt. Niemand hatte Dresden gesehen, der Bose nicht kannte, der ihn nicht Worte gewichtigen Inhalts (eine seiner Redeweisen) hatte sprechen hören, wenn er sich nach 10 Uhr gemächlich zu Tische setzte, Diener und Wirt zusammenrief und anfing, seine Befehle vom Küchenzettel abzulesen … Fest saß er da auf seinem Stuhle, trank mit ruhigem Blut Punsch und Wein durcheinander, immer gleich bereit, die politische wie die literarische Welt in seinem Gespräche zu umfassen, besonders jedoch über Dichter und Schauspieler Musterung zu halten. Vor Goethe und Shakespeare beugte er sich tief; dann rezitierte er öfters stundenlang mit dem Ausdruck innerer Wahrheit ausgezeichnete Produkte deutscher Dichter. Woher dies alles dem Menschen kam, wußte niemand, denn sein ganzes Leben war eigentlich ein Nichtstun, und doch fand man alles Schöne und Große in ihm, gleich als entströmte es einem Urquell.

(Sembdners Quelle: Aus Karl v. Nostiz' Leben und Briefwechsel. Dresden u. Leipzig 1848, S. 94-96)

[Anmerkung Sembdner: »Der ›dicke Bose‹ ist nicht, wie früher angenommen wurde, Carl August v. Bose (1764-1825), der militärische Instruktor des Prinzen Bernhard von Weimar, sondern Ernst Ludwig v. Bose (1770-1847), seit 1795 Rittmeister im sächs. Garde du Corps. Er nahm 1809 seine Entlassung und trat später in russische Dienste, wo er, soweit bekannt, als Oberst gestorben ist. ›Er war ein Mensch, der alles konnte, was er wollte, aber nicht immer wollte, was er konnte … Ein geistreicher Mensch, in allen Fächern bewandert, sehr belesen und von großer Redegabe.‹«]


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