Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 185)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Goethe an Adam Müller. Karlsbad, 28. August 1807

Über Amphitryon habe ich manches mit Herrn von Genz gesprochen; aber es ist durchaus schwer, genau das rechte Wort zu finden. Nach meiner Einsicht scheiden sich Antikes und Modernes auf diesem Wege mehr als daß sie sich vereinigten. Wenn man die beiden entgegengesetzten Enden eines lebendigen Wesens durch Contorsion zusammenbringt, so gibt das keine neue Art von Organisation; es ist allenfalls nur ein wunderliches Symbol, wie die Schlange die sich in den Schwanz beißt.

Der zerbrochene Krug hat außerordentliche Verdienste und die ganze Darstellung dringt sich mit gewaltsamer Gegenwart auf. Nur Schade daß das Stück auch wieder dem unsichtbaren Theater angehört. Das Talent des Verfassers, so lebendig er auch darzustellen vermag, neigt sich doch mehr gegen das Dialectische hin; wie er es denn in dieser stationären Proceßform auf das wunderbarste manifestiert hat. Könnte er mit eben dem Naturell und Geschick eine wirklich dramatische Aufgabe lösen, und eine Handlung vor unsern Augen und Sinnen sich entfalten lassen, wie er hier eine vergangene sich nach und nach enthüllen läßt: so würde es für das deutsche Theater ein großes Geschenk seyn.

Das Manuscript will ich mit nach Weimar nehmen, in Hoffnung Ihrer Erlaubnis, und sehen ob etwa ein Versuch der Vorstellung zu machen sey. Zum Richter Adam haben wir einen vollkommen passenden Schauspieler, und auf diese Rolle kommt es vorzüglich an; die andern sind eher zu besetzen.

(Sembdners Quelle: Goethe: Werke (Sophien-Ausgabe). 4. Abt.: Briefe, Bd. 19. – German Life and Letters 42/1989, S. 171-174)


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