Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 161)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Kommandant Nicolas Sigisbert de Bureau an das Polizeiministerium in Paris. Fort de Joux, 6. März 1807

Gestern um 11 Uhr morgens brachte Herr Mathieu, Gendarm vom Standort Mainz, die Herren Ehrenberg, Hauptmann, Kleist und Gauvain, Lieutenants im Dienst des Königs von Preußen, die auf Befehl des Herrn General Clarke von Berlin hergeschickt wurden, damit sie bis zum Frieden auf Fort de Joux festgesetzt werden. Der Gendarm hatte ein Paket an meine Adresse, enthaltend die den Gefangenen gehörenden Pässe und Dokumente über Pension und Entlassung; aber ich habe darin keinerlei Instruktion gefunden, wie diese Offiziere zu behandeln sind, die alle drei behaupten, verabschiedet zu sein und die Ursache ihrer Verhaftung nicht zu wissen. Herr Hauptmann Ehrenberg ist krank und scheint sehr auf der Brust zu leiden. In der Ungewißheit über Ihre Absichten bezüglich dieser Gefangenen habe ich geglaubt, sie getrennt im Wartturm unterbringen und ihnen außerdem die Geldsummen wegnehmen zu müssen, die zwei von ihnen bei sich hatten und die sich auf 1392 Tours'sche Livres sowie 11½ Friedrichsdor und 14 holländische Dukaten beliefen. Bis zur Bestimmung des Soldes oder der Unterhaltsentschädigung, die den neuen Gefangenen zustehen würde, werden diese Gelder gemäß dem Verhaftbefehl dazu verwendet, zu ihren täglichen Unkosten beizutragen. Ich habe ihnen vorläufig die Freiheit gelassen, tagsüber zusammenzukommen und sich, gleichfalls tagsüber, bis zum dritten Wall zu bewegen. Sie beklagen sich sehr über die strenge Behandlung, die sie erfahren, und behaupten alle drei, bereits vor ihrer Verhaftung aus dem preußischen Dienst verabschiedet worden zu sein. Sie versichern außerdem, daß man sie verurteilt habe, ohne ihnen zu erlauben, sich zu verteidigen. Deshalb habe ich ihnen geraten, eine Eingabe an Sie mit einer Schilderung ihres Verhaltens zu richten und mit den Dokumenten zu belegen, die sie zur Rechtfertigung geeignet hielten. Ich werde mir die Freiheit nehmen, sie Ihnen durch die Vermittlung des kommandierenden Generals der 6. Division zukommen zu lassen. [französ.]

(Sembdners Quelle: Rothe, Eva: Die Bildnisse H. v. Kleists. Mit neuen Dokumenten zu Kleists Kriegsgefangenschaft. Jahrb. d. Dt. Schillerges. 1961, S. 179)


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