Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 136)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Allgemeine Literaturzeitung. Halle, 22. August 1805

Neuere deutsche Dichter, vom Studium der Griechen geleitet, suchten, indem sie die Kraft und Einfachheit der Alten zum höchsten Ziel nahmen, durch Beimischung des modernen Romantischen ihren Schöpfungen ein neues und höheres Interesse zu geben.

Ob der Vf. des vorliegenden Trauerspiels diese und die griechischen Muster bei der Abfassung seines Werks vor Augen gehabt, oder ob er nach eigenen willkürlichen Ideen gearbeitet, und inwiefern ihm seine Arbeit gelungen sei - dürfte hier eine etwas nähere Untersuchung verdienen.

Das Ganze, wenn man seinen Inhalt mit wenigen Worten andeuten wollte, besteht aus einem dramatisierten Gemälde schrecklicher Begebenheiten, die sich zuletzt sehr unbefriedigend auflösen. Dies ist gegen die Idee der alten und neuen Tragödie. … Eine Reihe bloß schrecklicher Auftritte, wo das Schicksal mit den Menschen, wie mit Puppen spielt - mag wohl in der wirklichen Welt nachzuweisen sein, - eignet sich indes nicht für die Kunst. Die Hauptpersonen aber dieses Stücks, Rupert,Johann, Sylvester usw.- was erfahren wir mehr von ihnen, als daß sie - ihren Leidenschaften blind gehorchend - dem schrecklichen Schicksal, das sie verfolgt, die Waffen selbst gegen sich in die Hände geben? …

Und welche Wirkung kann und mag ein solches Stück auf den Zuschauer hervorbringen? Steht er vor der Bühne, um sich vor einer rohen Wirklichkeit zu entsetzen, oder erfordert es nicht vielmehr das Wesen der Kunst, eine Handlung, die schon an sich Interesse haben muß, in ein harmonisches Ganzes zu bringen, und dem Hörer den ruhigen Genuß des Schönen zu gewähren?

Aber auch Wahrheit vermißt man in den meisten hier aufgestellten Charakteren, die dem Tragiker über alles heilig sein muß, weil aus ihr das höchste Interesse hervorgeht. Wäre es nicht mehr im Charakter eines so tief erbitterten, und zum Teil durch eigne Schuld bis zur Verzweiflung gebrachten Mannes, wie Rupert, sich selbst auf den Trümmern seines zerstörten Glücks zu begraben, als - wenn auch nur scheinbar - sich mit dem Manne, und so schnell, zu versöhnen, der ihm alles genommen, dem er alles nahm? Gertruden, die als teilnehmende sanfte Gattin und Mutter geschildert wird, könnte man leicht für eine Giftmischerin halten, wenn sie, um ihrem Gemahl Sylvester Verdacht gegen Eustache, Ruperts Gemahlin, beizubringen, sich also ausdruckt: [Vers 1151-1172]

Und dabei bleibt es. Was soll man davon denken? Doch auch das einzelne Gute, was dieses Stück vor vielen andern voraus hat, muß gewissenhaft angezeigt werden. Trefflich sind die Szenen zwischen Johann, Ottokar und Agnes. Schon die Entstehung der Liebe Johanns zu Agnes, die er im Anfange der Begebenheiten Ottokarn selbst erzählt, ist äußerst romantisch und interessant. … [Vers 293-304] Trefflich dargestellt ist ferner die Szene, wo der halb wahnsinnige Johann seine Geliebte verfolgt, ihr den Dolch reicht, um von ihren Händen zu sterben, wie sie - im Wahn, daß er sie ermorden wolle - um Hülfe ruft, und unschuldig den Verdacht gegen Rossitz nur noch häuft.

Überhaupt sind die Szenen gut angelegt, die Begebenheiten richtig geordnet, das Interesse gut verteilt, so daß, wenn die Idee des Ganzen nicht fehlerhaft wäre, dieses Stück gewiß unter die bedeutendsten in seiner Art gehören würde.

Auch die Sprache ist im ganzen genommen edel, kraftvoll - und nur selten matt und prosaisch. Sprachwidrig ist es indes, zu sagen:

Niedersteigen
Glanzumstrahlet
Himmelshöhen zur Erd herab (?)
Sah ein Frühling
Einen Engel.
Nieder trat ihn ein frecher Fuß.

Der Vf., dem es gewiß nicht an Dichtertalent fehlt, scheint Aufmunterung zu verdienen; sonst würden wir bei der Anzeige dieses Werks sicher nicht so weitläufig geworden sein.

(Sembdners Quelle: Allgemeine Litemturzeitung. Halle 1805)


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