Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 11a)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


Kleists Mutter an Friedrich Wilhelm II., 4. Juli 1789

Es hat mein Mann welcher vor einem Jahre verstorben, ein Testament hinterlaßen, worin er mir zur Universal-Erbin einsetzet, ohne Nachtheil der Kinder, nämlich daß ich nur den Genießbrauch, des ganzen Vermögens, ohne aller Berechnung, so lange ich lebe, und davon die Kinder Standesmäßig erziehen laße, behalten soll. Nach meinem Tode aber dieses ganze Vermögen, unter allen meinen Sieben Kindern zu gleichen Theilen getheilt werde. Die baaren Capitalien [darf] ich aber nicht schmälern, worauf vorzüglich gesehen werden soll. Da aber bey diesen Testament, welches mein Mann selbst gemacht, Er die Gesetze nicht verstanden, folglich in denen Sollenitäten gefehlet, dahero gedachtes Testament, von dem hiesigen Stadt-Gericht verworffen werden soll! und ich dadurch in die traurigste Lage versetzt werden muß. Euer Königlichen Majestät flehe allerunterthänigst an, mich in dieser bedrängten Lage, eine gnädige Unterstützung angedeihen zu laßen. Sollte Es zu einer gänzlichen Theilung kommen, so könnte alsdann nicht die gute Meinung meines Mannes (da ich selbst kein Vermögen habe) bei der Erziehung meiner kleinen Kinder erfüllet werden! Noch viel weniger die gnädige Gesinnung, welche Ew. Königl. Majestät gegen mich gnädigst äußerten, bey Annahme meines ältesten Sohnes [Heinrich), in der Accademie Militair, wo Allerhöchstdieselben sich gnädigst ausdrückten, »um mich die Erziehung meiner noch übrigen Kleinen Kinder zu erleichtern«. Auch diese allergnädigste Intention bliebe unerfüllet, denn sobald der Theil des Vermögens, wie es als dan ganz natürlich ist, abgezogen wird, würde ich nicht im geringsten Soulagirt! … Ich habe hierbey nichts als die rechtschaffenste Absicht meiner Kinder zum Grunde, und werde nie eine ungerechte oder für meinen Kindern nachtheilige Sache verlangen, wovon ich mir nicht selbst zur Aufführung dieses Werks überzeugen könnte.

(Sembdners Quelle: Hoffmann, Paul: Ein Brief der Mutter H. v. Kleists. Jahrb. d. Kleistges. 1931/32, S. 112-21)


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