Heinrich von Kleists Lebensspuren (LS 100a)

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Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Neu herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1996. [In der Kleist-Literatur üblicherweise mit der Sigle LS und laufender Nummer zitiert.]


[E. Th. Langer.] Neue Allgemeine Deutsche Bibliothek, [Dezember] 1803

Abermal ein Versuchstück aus der Klasse derer, die von einer Seite manch Gutes hoffen, und von der andern viel Schlimmes wieder befürchten lassen! Daß der ungenannte Verfasser ein junger, noch nicht taktfester Mann ist, verrät schon sein Vortrag, aus dem man den Mangel vorläufiger Übung nur zu häufig ansieht. Aus den Überladungen, Exzentritäten und übrigen Fehlern in Plan und Darstellung, woran es dem Stücke gleichfalls Mündigkeit eines Autors schließen; denn seitdem das deutsche Publikum gegen regelrechte Dramen sich so kaltsinnig zeigt, daß selbst unsre besten Köpfe stutzig geworden, und nicht weiter bekümmert, ob auf Kosten der Natur und Kunst? dem neuesten Ungeschmack frönen: seit solch einer Umkehr der Dinge geschieht es zu oft nur, daß Schriftsteller, die etwas ungleich Besseres liefern könnten, nicht selten auch wirklich schon geliefert haben, lieber auf den Preis der Nachwelt als den Flitter des Augenblicks Verzicht tun, und somit die Verstimmung noch höher treiben helfen! …

Bei Hinsicht auf Zeit- und Orts-Einheit muß man freilich ein Auge, oft beide zudrücken; was indes die der Handlung betrifft, gebührt dem Ungenannten doch wirklich das nicht kleine Lob, nirgend seinen Hauptzweck aus dem Gesichte verloren zu haben. Auch uns in Atem und Erwartung zu halten verstand er schon, und wenn nicht alle Charaktere gleich gut durchgeführt sind (die der beiden Väter z. B., als welche bald einander zu stark ähneln, bald wieder zu grell abstechen), so war dies eine der Aufgaben, deren Lösung man von keinem Versuchstücke erwarten wird. Selbst der leidige Umstand, daß die Hälfte der hier verbrauchten Farben sein Gemälde tragisch genug gelassen hätte, ist ein Mißgriff, der nur reichen Imaginationen eigen bleibt. Den Dramatikern neuesten Schlags hat er ihn zuverlässig nicht abgesehn; denn diese verstehen höchstens nur aus Wenig noch Wenigeres zu machen.

Bei den Fehlern des Stückes länger zu verweilen, hält Rez. für unnötig. Sein Verfasser ist offenbar ein so fähiger Kopf, daß er sein Erzeugnis nur nach Jahr und Tag wieder anzusehen braucht, um die es noch entstellenden Verstöße gegen Natur, Geschmack und Schicklichkeit auch ungewarnt wahrzunehmen. Seiner Einbildungskraft kann er unmöglich ein Haar breit den Zügel weiter schießen lassen, ohne ins Ungenießbare zu stürzen. Jeder Schritt also zurück, wird für die Kunst, und für ihn selbst Gewinn sein; da er denn wohl fühlen wird, daß auch im geregelten Raume sich noch frei genug atmen läßt. Eine mit Shakespeares Manier schon vertraut gewordne Bekanntschaft blickt überall durch; und da läuft es denn freilich auch nicht ohne Reminiszenzen ab, die bald stärker, bald schwächer sich aufdringen. In der Stelle jedoch:

Die Stämme sind zu nah gepflanzet, sie
Zerschlagen sich die Äste; – – –

bleibt der einheimische Borg etwas zu sichtbar; denn wer denkt nicht hierbei an den in Lessings Nathan mit denselben Worten ausgedrückten Sinn? Weil von Versen die Rede! Die zehn- und eilfsilbigen des Ungenannten sind mitunter lebhaft und reintönend genug; aber auch hier bleibt für seine Metrik, besonders des in unsrer Sprache so schwierigen Jambus noch vollauf zu lernen übrig. Nicht selten hebt der Vortrag des Stücks sich bis zum Lyrischen; verschmäht aber ebensowenig Verse, wie folgende:

Dem ein Schwarzkünstler Faxen vormacht

oder:

Und der mich so infam belogen hat. – …

Stellen, die durch ein dem Herzen sehr glücklich abgelauschtes Gefühl sich auszeichnen, gibt es unter den sie umgebenden, als Bombast zerplatzenden Übertreibungen, in großer Menge. Jene aber wollen in ihrem Zusammenhange genossen sein, der wieder zu viel Raum kosten würde, und wer verlangt Proben von diesen? Von sinnhaltigen Äußerungen, wie etwa:

Mienen
Sind schlechte Rätsel, die auf vieles passen. -

oder:

An eigne Kraft glaubt doch kein Weib; und traut
Stets einer Salbe mehr zu als der Seele! –

ist ein Überfluß vorhanden. - Aus dem Hexenversuch der Totengräberinnen (einem an sich selbst höchst widerlichen Zwischenspiele, das aber unser Nachahmer Shakespeares gar nicht ungeschickt ins Ganze zu verflechten weiß) wollte Rez. sehr gern die hochauffliegende Anfangsstrophe hersetzen; müßte sodann aber, um von den Idiosynkrasien des Verf. einen Begriff zu geben, auch die zweite, desto ekelhafter ausgemalte, folgen lassen; und dies kann er sich nicht abgewinnen! Kurz und gut: Versucht der Ungenannte sich wieder am Drama: so wird sein nächstes Stück über die Reputation des Autors entscheiden. Entweder etwas ungleich Besseres; oder es ist um seinen Takt und Geschmack auf immer geschehn! Do.

(Sembdners Quelle: Neue Allgemeine Deutsche Bibliothek. Bd. 85, 2. Stück, Heft 6, S. 370-374. Berlin u. Stettin 1803)


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